„Heimat von“ oder „wo man steht“

// Über die Bedeutung der Silbe „-stan

Nach unserem Aufenthalt in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, begann sich langsam das Ende unserer Reise abzuzeichnen. Zugegeben, wir hatten noch 2 Wochen übrig, so viel wie die Gesamturlaubsdauer anderer Menschen. Trotzdem fühlte es sich für uns bereits an wie der Endspurt, der Verlauf der letzten Tage war einigermaßen geplant und unsere verbleibende Reiseroute deshalb absehbar. Einzig das Schicksal unseres Stinkis machte uns noch ein bisschen Sorgen.

Von Taschkent aus hüpft man, um die Grenzstadt zu Kirgistan zu erreichen, entweder in den Zug oder in ein überfülltes Taxi. Nachdem wir von der Existenz der relativ neu eröffneten Bahnverbindung nichts gewusst hatten, verbrachten wir fünf Stunden mit angezogenem Bauch und Beinen in einem (weißen) Chevrolet Taxi. Auf der knapp fünfstündigen Fahrt Richtung Osten wich die usbekische Ödnis einer überraschend fruchtbaren Berglandschaft, unsere Augen saugten das wohlige Grün gierig auf. Und so herzlich, wie uns die lebensfreundliche Landschaft willkommen hieß, wurden wir auch in Kirgistan wieder empfangen. Kein Visum, keine Gepäckskontrolle, keine bürokratische Zettelwirtschaft. Nur ein kurzer Blick in den Pass, Stempel rein, ein freundliches ‚Welcome!‘ aus Goldzahnmund und wir waren wieder drinnen im Land der Jurten, Pferde und des Kumys. Uns beschlich ein wohliges Gefühl, in Kirgistan fühlten wir uns nicht nur sehr willkommen, sondern auch schon ein klitzekleinbisschen daheim.

Ich spielte schon mit dem Gedanken meinen Beruf zu wechseln um ein wildes kirgisisches Steppenmädchen zu werden. Mit Edelweiß und temperamentvollem Bergwind in den Haaren.

Und Christian hat sich ja schließlich auch nicht so schlecht geschlagen auf Dschingis Khan, dem hitzigen Pferd am Köl-Suu See. Nur an unserer Liebe zu Kumys, der vergorenen Stutenmilch, müssten wir halt noch hart arbeiten. Und an unserer fehlenden Kälteresistenz beim Baden im Fluss. Aber am Ende einer so langen Reise darf man seine Erinnerungen schon ein bisschen mit einer gesunden Portion Romantik schmücken. Vor allem, weil wir befürchteten noch eine ziemlich unromantische Angelegenheit vor uns zu haben: den finalen Werkstattbesuch in Osch. Und der war nicht aufschiebbar, da Osch unmittelbar hinter der Grenze liegt und wir außerdem nur mehr wenige Tage in Kirgistan zu bleiben gedachten.

Am Eingang der Werkstatt löste tiefe Düsternis augenblicklich die sanftmütige Herrschaft der herbstlichen Sonne ab. Schon bevor sich unsere Augen an das fehlende Licht gewohnt hatten, schlug uns der Geruch von Lack und Motoröl entgegen, ein Kompressor zischte bedrohlich, schwere Hammerschläge verhallten in der schwarzen Unendlichkeit der Halle. Da war er wieder, der Gedanke an Sauron im Tartaros.

Da bog grinsend ein ölverschmierter Terrence Hill um die Ecke. Gleich hinter meinem blonden Lieblingsmechaniker mit den eisblauen Augen: mein zweitliebster Lieblingsmechaniker, ebenso ein dickes Lächeln im Gesicht. Unübersehbar freuten sie sich uns zu sehen! Da Chirurgen bekannterweise eine Trauermine aufsetzen, wenn der Patient während der Operation verstorben ist, deuteten wir die Gesichter unserer beiden Motorchirurgen als gutes Zeichen. Stinki lebt!

So wars dann auch. Und nicht nur das, er sprang gleich beim ersten Versuch an, so mätzchenfrei war er die letzten gemeinsamen Wochen nie angesprungen. Außerdem schnurrte Stinki wie ein Babykätzchen. Soll heißen, er hörte sich an, als hätte er auch eine akustische Verjüngungskur gehabt. Und das Wichtigste:

Aus dem Auspuff kam kein weißblauer Todesrauch mehr. Nur mehr gesunde, grauschwarze Abgase.

Die Mechaniker haben es also wahrhaftig fertig gebracht die Motorkolben passend auf die nicht passenden Dichtungsringe zu drechseln. Auf hundertstel Millimeter genau. Wir waren ganz hin und weg. Aber um realistisch zu bleiben: Die Chance bestand zwar, dass die Reparatur halten würde; ebenso gut aber könnte der weißblaue Todesrauch nach 42 Kilometern wieder die Oberhand gewinnen. Oder die Temperaturnadel könnte sich mysteriöserweise wieder gefährlich dem roten Bereich annähern. Oder aber Stinki könnte an jedem beliebigen Morgen wieder beschließen gar nicht erst schnurren zu wollen. Hätten wir die Zeit gehabt, wir hätten es herausgefunden – wir haben Stinki ja mit all seinen Eigenheiten und Schrullen gern. Aber ihn in weniger als zwei Wochen nach Hause zu treten, kam für uns nicht in Frage. Unser Alternativplan zu Mit-Stinki-nach-Hause-Fahren war schon in Tadschikistan gereift und so hatten wir bereits einen Flug von Bishkek nach Wien mit einem einwöchigen Zwischenstopp in Istanbul gebucht. Wir mussten Stinki also helfen ein neues Herrchen zu finden. Ziemlich überraschend stand dieses schon in der Werkstatt neben uns. Michail, ein pausbäckiger Kirgise mit russischen Wurzeln, war nach Christians meisterhafter ‚Vorführung‘ schnell überzeugt von Stinkis Qualitäten:

„Der Bus hat Allrad, damit kommst du jeden Berg rauf. Außerdem kann man super eine Herde Schafe darin transportieren, und gleichzeitig darin schlafen, die Sitze sind nämlich rotierbar! Außerdem ist beim Ersatzteilsammelsurium nicht nur ein, NEIN, es sind gleich zwei extra Kupplungssätze mit dabei! Die Wassersäcke von der Schweizer Armee machen das Camping-Duschen zu einem wahren Erlebnis, während das großzügige Küchenequipment in Kombination mit dem handlichen Gaskocher kulinarische Höhenflüge ermöglicht. Durch das geöffneten Panorama-Schiebedach kann man nicht nur den kirgisischen Sternenhimmel mit der Liebsten betrachten, sondern auch ausgezeichnet auf Marco Polo Schaf Jagd gehen – Treffer sind garantiert!“.

Besonders das letzte Argument hat Michail schwer überzeugt. Ein Handschlag und der Deal war unter Dach und Fach, Stinki durfte also in Kirgistan bei den Land Rovern, Lexusen und Jeeps bleiben.

An dieser Stelle ein kurzes Stinki-Resumee, wir hatten ja schöne und weniger schöne Zeiten mit ihm. Allem voran haben wir viel von dem kleinen Scheißer gelernt. Wie man fehlfunktionierende Zentrale Schweißdrüsen repariert zum Beispiel. Oder dass dreckige Vergaser so sexy klingen können wie Johnny Cash mit Raucherhusten. Aber auch, dass man unerreichbare Ersatzteile mit unkonventionellen Lösungen erfolgreich substituieren kann. Das Schicksal unseres Trios stimmt uns sicher ein bisschen wehmütig. Gerne hätten wir Stinki mitgenommen in den Pamir, hätten ihm usbekischen Benzin kosten lassen und ihn neben einen seiner weißen Daewoo Brüder geparkt. Gerne hätten wir aserbaidschanischen und türkischen Sternenhimmel durch sein Schiebedach geguckt. Und natürlich wären wir am liebsten mit Stinki mit Pauken und Trompeten in Österreich eingefahren. Aber es hat nicht sollen sein und wie immer im Leben hat jede Schattenseite auch sein Gutes: Die mindestens 2 Wochen, die wir für die (wahrscheinlich anstrengende) Rückfahrt nach Österreich eingeplant hatten, konnten wir fürs Reisen als Backpacker nutzen.

Wir wünschen unserem Stinki noch einen schönen Lebensabend auf kirgisischen Straßen!

Natürlich musste der Verkauf aber auch noch schriftlich festgehalten werden, mit einem reinen Handschlag hat man nicht einmal in Kirgistan etwas angefangen. Zwischen einem kleinen Kiosk und einem mieselsüchtigen Zahnarzt eingebettet lag das Büro der strengen Notarin, die dann den Papierkram erledigte. Wegen eines Stromausfalls wurden die Verträge handschriftlich kopiert, am Ende hatte auch formell alles seine Richtigkeit. Wir waren ziemlich happy über den unkomplizierten vom Fleckwegverkauf. Die Werkstattkosten waren gedeckt und wir konnten uns nun ganz dem Aussortieren unseres übergewichtigen Equipments widmen. Das war dringend notwendig, denn wir hatten uns entschlossen die Strecke von Osh in die Hauptstadt Bischkek nicht mit dem Sammeltaxi zu absolvieren. Die Vorstellung einer quälend langen Marschrutkafahrt mit einem Rattenschwanz an Gepäck war einfach zu abschreckend und die Flüge zu günstig, als dass wir an unseren ökologischen Fußabdruck hätten denken wollen.

In Bischkek angekommen, verfolgten wir das Motto ‚Eile mit Weile‘. Und während wir so auf einem Mäuerchen in der Herbststimmung eines rosenbepflanzten Parks herumlungerten, beobachteten wir entspannt das Treiben einer modernen, aufstrebenden Stadt. Dabei fiel es uns plötzlich wie Schuppen von den Augen:

Das Vorkommen von Kopftüchern und SUVs war in den von uns besuchten ‚Stan‘-Ländern negativ korreliert – je mehr Kopftücher die Damen trugen, desto weniger SUVs kurvten herum.

So durfte es uns bei dem Vorkommen an teuren Geländewagen in Bischkek nicht verwundern, dass die hübschen jungen Mädchen größtenteils ohne Kopftuch für ihre Selfies posierten. Die topmodern gekleideten Pärchen schlenderten händchenhaltend durch die Stadt, vorbei an europäischen und amerikanischen Markenbekleidungsgeschäften. Im Park sitzend, hinter all dem Rosengebüsch fiel uns dann noch etwas anderes auf, ein Werbebanner für Verdis Aida. Es sollte uns zu unserer letzten erwähnenswerten Amtshandlung in Bischkek führen: Der freiwilligen Erweiterung unseres musikalischen Horizontes. Eigentlich, dachten wir, ist Oper genauso wenig unser Ding wie das Geträller der ehrenwerten Rihanna. Aber 10€ für die besten Plätze in der Staatsoper? Das klang einfach zu verführerisch! Wir putzten uns fein heraus, zogen unsere schönsten Trekkinghosen und saubersten Merinoshirts an und begaben uns – mit einem Vorrat extra knuspriger TUC Kekse – auf eine fast vierstündige Abenteuerreise nach Ägypten. Fast erinnerte mich unser Besuch in der Oper an die Szene im Film Pretty Woman, in der Julia Roberts zu Tränen gerührt Verdis La traviata verfolgt. Gut, geheult haben wir nicht, aber wir waren ziemlich fasziniert von dem Treiben auf der Bühne! Außerdem ist Opernmusik ist gar nicht so schlimm zu ertragen, wie man vielleicht vermuten möchte (obwohl 4 Stunden schon ein bisschen lang waren). Wir haben auf jeden Fall eine Achterbahn der Gefühle erlebt und eine Menge dazugelernt, zum Beispiel dass es in Kirgistan wahrscheinlich keine schwarzen Balletttänzer gibt und die Darsteller der afrikanischen Sklaven deshalb einfach im Stile des Struwwelpeter-Illustrators angemalt werden (d.h. tiefschwarze Haut, orange Lippen und ein klitzekleiner Lendenschurz). Wir haben auch gelernt, dass es zwei unaufgeklärte Österreicher kurzzeitig ziemlich aus der Fassung bringen kann, wenn ein Heer aus ägyptischen Soldaten den Saluto romano macht (die fachkundigen Asterix und Obelix Fans unter euch werden nun wissend nicken: Der Saluto romano (römischer Gruß) ist nämlich das Vorbild vom Hiltergruß). Wir sind dem Operngebäude also um viele Eindrücke reicher entstiegen und haben, sofort als wir zurück im Hostel waren, YouTube angeworfen um zu vergleichen, ob die Kirgisen genauso schön trällern wie Luciano Pavarotti in der San Francisco Opera. Zu unserer Überraschung konnten wir keinen nennenswerten Qualitätsunterschied feststellen.

Mit Pavarottis Singsang und laut knusprigen TUC Keksen möchte ich Christian und meine Neuland-Geschichte durch die drei ‚Stan‘-Länder beenden. Wikipedia spricht uns mit der Erklärung über die Silbenherkunft von ‚-stan‘ ein bisschen aus dem Herzen:

„[…] stan bedeutet im Persischen ‚Ort des‘ oder ‚Heimat von‘ und geht auf einen indoiranischen sowie indoarischen Grundausdruck für ‚Platz‘ oder ‚wo man steht‘ zurück.“

Ich möchte die Bedeutung ein bisschen erweitern: Für uns war Zentralasien nicht nur der (Spiel)Ort unserer Geschichte, wir haben uns hier auch am richtigen Platz gefühlt. Die imposante Landschaft, die die Natur hervorgebracht hat, die Menschen, die sie bewohnen und ihre Herzlichkeit – alles das hat uns sehr beeindruckt. Der Großteil der Erinnerungen wird uns sicher mit einem wohligen Gefühl begleiten. Unser Ziel mit der Gestaltung des Blogs war (ist) es, unsere Eindrücke mit euch zu teilen. Wir hoffen, uns ist das einigermaßen gelungen. An dieser Stelle auch ein Danke an alle fürs Mitlesen, Kommentieren und Motivieren!

PS: Und wenn jetzt jemand denkt, ich hätte in unserer Blog-Geschichte ein ‚-stan‘ ausgelassen: iSTANbul ist etymologisch nicht mit dem ‚–stan‘ der ‚Stan‘-Länder verwandt. Bei Istanbul handelt es sich laut Wikipedia vermutlich um die türkische Abwandlung des altgriechischen εἰς τὰν πόλιν [eis tḕn pólin], was so viel bedeutet wie ‚in die Stadt‘. Die Nicht-Verwandtschaft dient mir als Begründung dafür, dass ich die Blogerzählung mit Bischkek beende und unsere letzte Reisewoche in Istanbul nicht im Blog festhalte 🙂

Meine Bilder für dein Zuhause!