Endstation Kulturtourismus

// Des Basilikums Fidelität in der Wüste

Am Ende des letzten Blogeintrages haben wir euch im Minibus mitgenommen in Richtung des Tadschikistans abseits von Berg-Badachschan und den Pamir Fingern. Auf den letzten Kilometern unserer langen Fahrt in die Hauptstadt erinnerte nur mehr der verblassende Geruch wilder Minze an unsere schöne Zeit im Pamir – ich hatte in den Schluchten an der afghanischen Grenze einen Zweig abgerupft und zwecks Lufterfrischung im Minibus fest darauf herumgeknetet. Geschlaucht erreichten wir spät abends Duschanbe. Und sogleich verflüchtigte sich der Rest unserer pamirischen Unbekümmertheit: Unauffällig flossen bei einer Polizeikontrolle ein paar Somoni-Scheine von Fahrer in Richtung des Beamten. Unverkennbar waren wir wieder inmitten von städtischem Treiben und im beschleunigten Leben gelandet. Für den Rest unserer Reise würden wir uns von Stadt zu Stadt hangeln und vom Naturtourismus der letzten Wochen Abschied nehmen. Zugegeben, unsere Freude darüber hielt sich noch in Grenzen.

Unser Aufenthalt in Duschanbe stand also im Zeichen von Gebäudefotoshootings, Boulevardschlenderei und Restauranthopping; ein ausgedehnter Aufenthalt im Zimmer war auch dabei – irgendwann musste er ja kommen, bis dahin hatten sich unsere Mägen eh tapfer geschlagen gehabt. Abgesehen von den paar Magenzimperleien, befanden wir uns endlich wieder auf kulinarischem Festland. Nach den vielen spartanischen Glutamat-Plovs frönten wir nun der tadschikischen Großstadtküche. Schon am Basar konnten wir den Unterschied zu Kirgistan riechen: Gewohnter Kreuzkümmelgeruch tanzte dort zusammen mit neuartigen Kurkumaausdünstungen, scharfer Chilipulvergeruch kitzelte uns in der Nase, Safranfäden wuselten in Schälchen und nicht nur der bloße Anblick verschrumpelter, exotischer Wurzelstücke versprach Großartiges, nein, auch die Händler posaunten über die Qualität und Frische ihrer Ware. Das Wasser lief uns im Mund zusammen, während wir an saftig grünen Büschel Koriander und Dill vorbeischlenderten, die Frauen im Milchprodukte-Viertel uns cremiges Joghurt und sauren Rahm probieren ließen und die Verkäufer aus der Gemüseabteilung besser als jede Kenwood-Küchenmaschine Karotten stiftelten. Als wir dann den Männern aus der Fleischabteilung zusahen, wie sie kräftig auf knöcherne Strukturen einhackten, konnten wir nicht umhin uns all die Eindrücke versammelt in einem wunderbar leckeren Gericht vorzustellen. Wählt man sein Restaurant (und damit meinen wir natürlich die kleinen Essensräumlichkeiten, die auch die lokale Bevölkerung aufsucht) weise, werden die leidenschaftlichen Fantasien des Reisenden wahrhaftig: Anstatt des meist etwas farblosen kirgisischen Plovs mit Einheitswürze bekommt man buntes Koriander-Joghurt-Rosinen-Plov mit Wachtelei-Garnierung! Gut, ich möchte die kirgisische Küche keinesfalls beleidigen, sie hat uns immer gut genährt. Tendenziell würden Christian und ich aber behaupten, dass in Tadschikistan und Usbekistan vielleicht zwar nicht die Speisekarte selbst, dafür aber die verwendeten Gewürze ein breiteres Spektrum bieten (bei gleichem Öl- und Fettgehalt wohlgemerkt). Und Reisen geht halt nun mal durch den Magen; kann man jetzt verstehen, wie man möchte 😉

Duschanbe bot aber nicht nur tolles Plov, nein, auch ein schönes Stadtbild. Grün. Regelrecht Parkgeschwängert. Mit Blumenrabatten übersät. Und sowjetischen Charme versprühend. Die Chlorophyllfülle lässt sich relativ einfach erklären: Duschanbe war bis vor rund 100 Jahren ein Dorf, heute leben hier etwa 800.000 Menschen. So gab es anfangs viel Platz für eine grüne Stadtplanung, während die Gegend innerhalb kurzer Zeit quasi vom Mittelalter in die Neuzeit katapultiert wurde. Viele der Gebäude erinnern heute an diese ‚euphorische Struktur des sowjetischen Aufbruchs‘, wie unser Reiseführer treffend erklärt. Die Tadschiken wollen sich heute aber scheinbar lieber an andere Dinge erinnern, der neuen Abriss- und Modernisierungswelle fallen momentan nämlich ziemlich viele der alten Gebäude zum Opfer. Charmante Bauten werden abgelöst von ambitionierten Bauprojekten wie beispielsweise der relativ neu errichteten Duschanbe Plaza um 3,5 Mrd. Somoni (zum Zeitpunkt des Baues entsprach das etwa 700 Millionen US Dollar). Der kitschige Zwillingsturm steht aber quasi leer und ist obendrein noch bröckelig – wir sind trotzdem mit dem Lift auf die marode Aussichtsplattform im 29. Stock gefahren und haben unsere Nasen in den Höhenwind gesteckt. Der Geisterbau ist eine Farce, wenn man bedenkt, was hier ein Durchschnittsmensch verdient. Das bringt mich zum Thema Einkommen, das hier ohnehin ein wichtiges zu sein scheint. In Europa ist es ja eher tabuisiert nach dem Einkommen zu fragen, in vielen Ländern der Welt hingegen nicht. So auch offensichtlich nicht in Zentralasien, weshalb wir oft gefragt werden, was wir denn so verdienen würden. Uns bringt das immer etwas in Verlegenheit. Antwortet man wahrheitsgemäß, blickt man natürlich sogleich in glänzende Augen (man mag vielleicht sogar den zarten Schimmer eines Dollarzeichens darin erkennen). Auch ohne Sprachbarriere wäre es sehr schwierig den Menschen klarzumachen, dass das Leben in Österreich gleichzeitig aber auch teurer ist. Und wir ihnen nicht 500% des lokalen Preises für eine Taxifahrt oder Banane bezahlen wollen. Trotzdem ist die Relation von Lebenserhaltungskosten und Einkommen in Österreich und beispielsweise Tadschikistan nicht dieselbe, soll heißen, die Banane kostet hier fast so viel wie in Österreich, das Smartphone wahrscheinlich genauso viel, das Bus fahren ist halt billiger. Dafür gibts hier aber mehr Subsistenzwirtschaft (Marke Eigen(an)bau) und so scheint es in der Statistik nicht auf, wenn Nachbar X Nachbarin Y für ihre 10 Eier ein Kilo Tomaten gibt. Nichtsdestotrotz finden Christian und ich den Vergleich der Durchschnittseinkommen (jährliche Bruttonationaleinkommen je Einwohner in US-Dollar aus dem neuen Fischer Weltalmanach für das Jahr 2014) ziemlich interessant:

Österreich:        50.390 $
Kirgisistan:        1.250 $
Tadschikistan:   1.060 $
Usbekistan:       2.090 $

Kein Wunder, dass wir auch lange rätselten, warum die Tadschiken (wie auch die Usbeken und, etwas weniger, die Kirgisen) trotz des niedrigen Einkommens so viel Gold im Mund mit sich herumtragen. Muss doch unleistbar sein! Und warum verschönern sie mit Vorliebe ihre Schneidezähne? Und das Gold liegt nicht nur im Mund: Die Frauen sind behangen mit allerlei Klimbim und Tamtam… Echt oder unecht, in jedem Fall wirkt die blendende Zier auf uns Europäer übertrieben, auch wenn sie ziemlich gut zu den glitzer- und paillettenbestickten Samtroben der Tadschikinnen passt. Auch die Kopftücher, die sich hier größerer Beliebtheit erfreuen als in Kirgistan, sind, ebenso wie die beperlten Plüschpantoletten, tendenziell eher prachtvoll gehalten. Des Rätsels Lösung, zumindest für den Goldrausch, hat uns wahrscheinlich ein Kirgise verraten: Die Tadschiken (und Usbeken) folgen damit ihrer Tradition, nach der Frauen früher üblicherweise all das Gold, dass sie besaßen, am Körper trugen, für den Fall, dass ihr Mann sie verlassen würde… Heute liegen Goldbehang und Goldzähne einfach schwer im Trend. Ein guter Ehemann bestückt seine Frau eben mit reichlich Goldzähnen. So sieht man auch gleich, wer hier glücklich verheiratet ist!

Überhaupt sind die Hochzeiten hier mit den weißen, raketenkapselförmigen Bräuten ein Knaller! Die dazugehörenden Hälften, ebenso blutjung wie ihre Prinzessinnen, sind gestriegelte Kopien ihrer selbst. Irgendwie scheint die Vorstellung der perfekten Hochzeit für alle (Nicht-Konservativen) ziemlich dieselbe zu sein. Eine Trauung haben wir noch nicht miterlebt, dafür aber jede Menge Foto-Shootings. Die finden nämlich immer dort statt, wo wir auch gern herumstreunen: In schönen Parks, vor großen Bronzestatuen und allgemein vor Sehenswürdigkeiten. Da werden dann vor dem Hintergrund im Akkord Bräutigamrepliken und Raketenbräute ausgewechselt, genervte, weiße Tauben auf Hände gesetzt und surrende Drohnen knapp über Köpfe hinweg gesteuert. Die Brautpaare werden anschließend wieder in weißen Oberklassenlimousinen verstaut, weggefahren und der Spuk ist – an dieser Location – vorbei. Hin und wieder gibts ein bisschen Trompetenmusik und Getrommel dazu, tanzen haben wir aber nie das Brautpaar, sondern nur die Hochzeitsgesellschaft gesehen. Ich stehe immer ganz fasziniert vor dem Treiben und rätsle, wie eine Raketenbraut mit Krönchentopping in eine der kleinen Hockklo-Räumlichkeiten passt, die sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Laufe des schönsten Tages ihres Lebens aufsuchen wird müssen…

Neben Raketenbräuten ist aber auch der Präsident allgegenwärtig. Emomalij Rahmon durchschneidet Eröffnungsbänder, hilft beim Weintraubenpflücken, streichelt Brote im Getreidefeld und winkt aus einem Meer aus bunten Tulpen von Gebäudefassaden herab. Präsi Rahmon ist überall. Auf Postern, Bannern und im Fernsehen. Er erschien uns in Tadschikistans Städten mit der Häufigkeit österreichischer Wandermarkierungen: Von einem Präsiplakat aus sieht man mindestens auf ein weiteres. Seine Devise: Nur nicht bescheiden sein. Aber der ‚Held Tadschikistans‘ hat sich die Aufmerksamkeit redlich verdient, schließlich ist er schon seit 1994 im Amt und hat den tadschikischen Bürgerkrieg (1992-1997) politisch prima überstanden.

Während sich die Tadschiken untereinander nun wieder etwas besser verstehen, ist die Beziehung zu Usbekistan nach wie vor durchwachsen. Kleines Beispiel: Tadschikistan baut (wie Kirgistan) fleißig Dämme und Wasserkraftwerke an Flüssen, die Usbekistans Baumwollfelder mit Wasser versorgen. Ein guter Nachbar würde fragen:

Hey, Usbekistan, alles klar bei dir? Wie gehts dem Aral See, ist ja leider schon ziemlich leer, gell? Ist wieder ein heißer Sommer heuer, 45 Grad habts, hab ich gehört? Naja, in 3 Monaten regnets eh schon wieder, ist ja nicht mehr lange hin! Du, ganz was anderes, ist eh ok für dich, wenn wir den Wachsch-Fluss ein bissal aufstauen? Und stell dir vor, wir wollen die höchste Talsperre ever bauen, cool nicht? 335 Meter, ich hoffe, der Zement hält.

Nachdem Tadschikistan aber nicht einmal die eigenen 30.000 Familien fragt, ob es ok ist, dass sie ohne Entschädigung zwangsumgesiedelt werden, kann man nicht erwarten, dass sie Usbekistan in ihre Pläne miteinbeziehen.

Mitunter ein Grund, warum ich euch das erzähle: Christian und ich planen Reisen gerne mit dem Finger auf der Landkarte. In unserem Reiseführer lag das usbekische Samarkand (unser nächstes Reiseziel) gar nicht sooo weit weg von Duschanbe. Was wir nicht wussten: Usbekistan hat die betreffende Grenze aufgrund diverser Nachbarschaftsstreitereien geschlossen. Direktflüge nach Usbekistan? Fehlanzeige. Wenn ihr uns das Wasser wegnehmt, brauchts gar nicht mehr auf unseren Flughäfen landen. So sind wir seufzend mit einem Taxi den Umweg über einen anderen Grenzübergang gefahren. Dort wartete schon eine Schar Geldwechsler auf uns. Mit dicken Packen Geld in der einen und einem Taschenrechner in der anderen Hand umkreisten sie uns wie hungrige Geier. Wir entschlossen uns, dem schlechten Wechselkurs eine Chance zu geben und tauschten einen 20 Dollar Schein gegen einhundertsechzig 1000-Sum Scheine. Und sogleich wurden wir Zeugen einer perfektionierten, flinken Geldzählfingerbewegung, die – inflationsgeschuldet – schon jedes usbekische Kind beherrscht. Unbeholfen stopften wir die Bündel in unsere Rucksäcke und betraten, mit dem mulmigen Gefühl soeben eine Bank ausgeraubt zu haben, das tadschikisch – usbekische Grenzland. Die Einreise nach Usbekistan haben wir tadellos gemeistert, die gefürchteten usbekischen Grenzbeamten waren lammfromm und die Drogenspürhunde (ich erinnere an die Beliebtheit dieser Schmuggelroute) interessierten sich nicht für uns und unsere Geldscheine. Während überdimensionale mobile Röntgengeräten LKWs durchleuchteten, wurde unsere Reiseapotheke nicht einmal auf opiumhaltige Medikamente oder verbotene Drohnen untersucht (für letztere hatte Christian einen Transport nach Osch, Kirgistan, organisiert). Unübersehbar ist Usbekistan ein besorgtes Land. Aber nicht nur wegen der Drogen und Drohnen. Auch wegen fundamentalistischer Islamisten. So wird Religionsausübung sowohl in Usbekistan als auch in Tadschikistan staatlich streng kontrolliert. Ohnehin sollte man seinen Pass (auch als Einheimischer) immer griffbereit haben, auch zum U-Bahn Fahren in der Hauptstadt. Als Tourist unterliegt man außerdem einer beinahe täglichen Registrierungspflicht in den Unterkünften; die rasanten Fahrten auf den gut ausgebauten usbekischen Straßen werden regelmäßig von zusätzlichen Registrierungsstopps an Checkpoints unterbrochen und allgemein wimmelt es von Wachbeamten und Fotografieverboten, vor allem in und vor öffentlichen Gebäuden.

Auf uns hat der staatliche Kontrollwahn teilweise ein bisschen befremdlich gewirkt, vor allem weil die Bevölkerung weder einen besonders konservativen noch bedrohlichen Eindruck gemacht hat. Es überwogen lächelnde Goldzahngesichter und freudige Gruppenselfieeinladungen.

Trotzdem erschreckend, wie schnell man sich an die Überwachung gewöhnt…

Usbekistan wartete aber noch mit anderen Eigenheiten auf, die ersten sind uns bereits auf der (langen) Fahrt von der Grenze nach Samarkand aufgefallen: Usbekistan ist landschaftlich öde. Bis auf das fruchtbare Fergana-Tal im Osten ist der Großteil des Staatsgebietes Wüste. Und dort, wo keine Wüste ist, wächst mit großer Wahrscheinlichkeit Baumwolle (oder Basilikum, aber darauf komme ich später noch zurück). Usbekistan ist der drittgrößte Baumwollexporteur weltweit, in eurem Kleiderkasten hängt also bestimmt das ein oder andere Kleidungsstück aus usbekischer Baumwolle. Das Land hat aber weit mehr Rohstoffe zu bieten als nur flauschige Baumwolle! Die Goldreserven spiegeln sich wahrscheinlich in ihrem blendenden Lächeln wider und die Erdgasvorkommen befeuern das usbekische Fortkommen: Wir staunten nicht schlecht, denn fast alle Fahrzeuge sind umgebaut, der Ottomotor darf bleiben, aber ein Gastank muss her. Zu unserem Leidwesen machte der in Usbekistan den Großteil der Kofferraumräumlichkeiten aus und unsere Rucksäcke verbrachten ab sofort mehr Zeit auf unseren Schößen. Mindestens ebenso schmerzhaft war für uns aber, dass Usbekistan das Land der Stinkis ist. An jeder Straße wurden wir konfrontiert mit unzähligen, weißen, gasbetriebenen Stinkis in Gestalt des frappierend ähnlichen Daewoo Damas Deluxe Modells. So sehr unsere Erinnerungen an unseren Bus in den letzten Wochen verblasst waren – jetzt waren sie wieder da. Wir hörten und sahen Stinki überall. Konkurrenz auf den Straßen machten den weißen Daewoos einzig die diversen, weißen Chevrolet Modelle. Keine Jeeps, keine Land Cruiser, keine Mercedes, Audis oder VWs, wie in Kirgistan und Tadschikistan. Usbekistan erhebt nämlich wahnsinnig hohe Importzölle auf ausländische Waren und so sind Daewoos bzw. Chevrolets, da sie Werke in Usbekistan haben (bzw. hatten), die einzig leistbaren Autos. Wir hatten also fast keine andere Wahl als mit einem weißen Chevrolet-Taxi nach Samarkand zu fahren.

Ich habe ja schon erwähnt, dass wir planten uns nun verstärkt dem Kultur- und Städtetourismus zu widmen. Im Gegensatz zum nomadisch geprägten Kirgistan gibt es in Usbekistan schon lange (persisch geprägte) Stadtkulturen. Vier der mächtigsten Völker haben hier ihre Spuren hinterlassen: Griechen (Alexander der Große), Araber, Mongolen (Dschingis Kahn natürlich) und, nona, die Russen. Dazwischen gabs noch die weniger bekannten, dafür umso spannender klingenden Achämeniden, Yüe-tschi, Weiße Hunnen, Samaniden, Timuriden und (die eigentlichen) Usbeken. Zusammengefasst klingt die Völkergeschichte also wie die Speisekarte beim gut sortierten Panasiaten. Und was wir bisher weder in Kirgistan noch in Tadschikistan gesehen hatten: Die Tradition des Islam ist in Usbekistan besonders lang und in vielen restaurierten und größtenteils zu Museen umfunktionierten Moscheen, Medressen und anderen historischen Bauwerken konserviert. Dabei stechen ein paar Städte mit besonderer historischer Bedeutung hervor: Die alten Zentren Samarkand, Buchara und Chiwa. Diese brachten, nebenbei erwähnt, nicht nur bedeutende Philosophen, Wissenschaftler und Theologen hervor, sondern ziehen heute Touristenschwärme an wie das Licht die Motten. So teilten wir uns Usbekistans touristische Hauptsaison mit deutschen Senioren, Selfiestick-beladenen Japanern und einheimischen Pilgern. Dafür gabs als Entschädigung echte italienische Pizza, Meinl Kaffee und Maulbeereis unter moderat-temperierter Wüstenherbstsonne.

Samarkand, unser erster Stopp, war einst die wichtigste Kultur- und Handelsstadt in Mittelasien. Der eigentliche Kern der heute 370.000 Einwohner zählenden Stadt ist zwar der russische Stadtteil. Die bedeutendsten Bauwerke findet man aber in der Altstadt, sie stammen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert und wurden (werden) teils aufwendig restauriert. Besonders eindrucksvoll fanden wir den Registan, ein großer Platz umgeben von 3 prächtigen Medressen [Madrasa ist das arabische Wort für alle Arten von Bildungsinstitutionen, wobei es sich hier oft auch um Hochschulen mit islamischem Schwerpunk handelt(e)]. Am Registan lässt es Samarkand alle paar Tage ordentlich krachen, dann gibts abends eine 3D Lichtshow aus 32 hochkarätigen, sündhaft teuren Hochleistungsbeamern, das fetzt, sag ich euch. Aber auch in der nahegelegenen Nekropole Shohizinda strahlen, wenn auch weniger hell, eine Menge Mausoleen und Moscheen auf kleinem Gebiet um die Wette. Ich verschone euch mit den Namen und historischen, oft tragischen Hintergründen der Gebäude, Christian und ich werden das meiste auch bald wieder vergessen haben. In Erinnerung bleiben werden uns aber sicher die goldbemalten Kuppeln, die kunstvoll geschnitzten Holztüren, die massenhaften (!) Souvenirstandln, bunten Fliesen und orientalischen Mosaiken, von denen oft kleine und größere Teile fehlten. Manche Einheimische betreiben nämlich in den Mausoleen nicht nur inbrünstigen Totenkult (obwohl im Islam eigentlich verpönt), sondern scheinen sich außerdem für besonders authentische Souvenirs zu begeistern… Ich wiederum war von der Begrünung der Anlagen entzückt: Während bei mir zu Hause alle Versuche Basilikum zu kultivieren, zu domestizieren und zum Überleben zu motivieren kläglichst gescheitert sind, wuchs er in den Rabatten um Registan und Co. wie Unkraut. Quadratmeterweise lila und grünes Sensibelchen. Best friends mit Tagetes und Fuchsien. Meine anfängliche Begeisterung schlug nach tagelangem Anblick des vitalen Grüns aber in Empörung um. Was bot Usbekistan, das mein Blumentopf nicht bieten konnte? Ich bin sicher, der ein oder andere Leidensgenosse unter euch wird meine Aufgewühltheit verstehen.

In Usbekistan haben wir aber nicht nur das Eldorado des Basilikums entdeckt, sondern auch eine neue Fortbewegungsart: Da das Staatsgebiet in weiten Teilen nicht nur öde, sondern auch ziemlich flach ist, dürfte das Verlegen von Gleisen ein Leichtes gewesen sein und so sind wir mehrmals in den Genuss von Fahrten mit Übernachtzügen gekommen. Die Waggons erinnerten mich schwer an jene der Transsibirischen Eisenbahn, ebenso die Fahrroutine und die strengen SchaffnerInnen. Man bekommt Bettwäsche, bezieht sein Bett und teilt sich sein Schlafabteil mit mindestens 3 anderen Personen, die entweder quietschen und quängeln, oder – wahrscheinlicher – Vodka trinken und schnarchen. Aber im Gegensatz zu den stundenlangen Fahrten in vollgestopften Bussen ein Traum, der gewissenhaft Reisende hat ja ohnehin Ohropax im Gepäck!

Den Gleisen folgend sind wir dann also von Samarkand nach Chiwa gefahren. Die Oasenstadt Chiwa liegt im Südwesten Usbekistans, unweit von Turkmenistan, mitten in der Wüste und dort sollen dank dem Fluss Amudarja die besten Melonen und süßesten Trauben wachsen. Die beschwerliche Reise dorthin macht man aber nicht aus schlemmertechnischen Gründen, sondern wegen der ockerfarbenen Altstadt. Diese gleicht nämlich eher einem Freilichtmuseum. Oder, mit etwas Fantasie, der Filmkulisse von Disneys Aladdin. Schon vor mehr als 600 Jahren war Chiwa eine bedeutende Stadt, da sie auf einem Haupthandelsweg der Seidenstraße lag. Innerhalb einer einst schützenden Stadtmauer tümmeln sich bunt verstreut aus Lehmziegeln erbaute Moscheen, Minarette, Mausoleen, Medressen und Wohnhäuser, aber auch unzählige Restaurants und Hotels. Dazwischen verstopfen Souvenierstandl, Selfie-Sticks und Gehstöcke die engen Gassen, von Zeit zu Zeit findet man auch eine Perle (Relikt einer usbekischen Raketenbraut). Das Stadtbild Chiwas hat uns außerordentlich gut gefallen, aber wir waren mit der Flut an Touristen auf so engem Raum dezent überfordert. Wahrscheinlich war die Flut keine wirkliche Flut, aber nach Kirgistan und Tadschikistan fanden wir den Inhalt von 15 Reisebussen verteilt auf eine geschätzt 0,5 km² große Altstadt, die in Fetzen Deutsch sprechenden Souvenirverkäufer („Oh, you’re from Austria! Seavas und Gruess Gott! Ich hawe schüne Buchstönder!“‘), die überteuerten Restaurants und nach Geld und Souvenirs bettelnden Kinder ziemlich erdrückend. Zwar waren die Menschen noch immer irgendwie freundlich, aber viele sahen in uns wohl schon eher herumwandernde Euromünzen.

Nein, wir möchten bitte keine Seidenteppiche kaufen. Unsere Mamas freuen sich bestimmt nicht über Pelzmützen. Wir haben auch keinen Platz für überdimensionale Keramikschüsseln und einen Polsterbezug hab ich schon erworben, danke!

Zur Abwechslung legten wir in Chiwa am örtlichen Basar eine Verschnaufpause ein. Dort herrschte zwar auch reges Treiben, aber die feilgebotene Ware wollte man uns, wahrscheinlich dank fehlender Servus und Gruess Gott-Kenntnisse, nur sanft andrehen. So sind wir fast ungestört zwischen Gewürzen, Nüssen, Honig, Baumwollsamenöl, Huhn, Kuchen, Wurst und Besen hindurchgewandert. Und wieder sind uns, wie auf allen Märkten, die wir in den letzten Monaten besucht hatten, Kinder und Frauen (keine Ahnung, wer oder wo ihre Männer waren) aufgefallen, die nicht ganz zu dem Rest der Händler und Käufer passten. Sie kamen vorwiegend auf uns zu, weil sie Geld wollten. Offensichtlich waren sie nicht nur ärmer als die Durchschnittsbevölkerung, sie sahen auch anders aus – die dunkle Haut, das Gesicht, die Kleidung. Diejenigen, die es sich leisten konnten, trugen mehr Glitzerschmuck als ohnehin üblich. Ein bisschen erinnerten sie uns an die Dalit (die Unberührbaren) in Indien bzw. an Zigeuner (politisch korrekt Roma und Sinti). Und so unrecht sollten wir mit unserem Vergleich gar nicht haben. Die Lyuli, wie wir später herausfanden, sind eine Ethnie, die vorwiegend in Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan lebt. Sie sind eine Untergruppe der Roma, die ihrerseits wieder von den Dalit des indischen Subkontinents abstammen. Ziemlich spannend finde ich auch, dass die Islam-gläubigen Lyuli offensichtlich eine ausgeprägte Clan-Kultur pflegen und ihre Gemeinschaft extrem geschlossen nach außen ist. Das erklärt vielleicht auch, warum sich ihr Aussehen sich noch immer so stark von dem der übrigen Zentralasiaten unterscheidet. Erstaunlicherweise listet sogar Wikipedia als traditionelle Berufe der Lyuli folgende (in genau dieser Reihenfolge) auf: Handwerker, darunter Juweliere, Viehhändler, Bettler und Musiker. Was sicherlich stimmt ist, dass sie in Zentralasien leider keinen guten Ruf genießen und teils sehr stark diskriminiert werden. Nachdem wir das Gefühl hatten, dass die zerlumpten Kinder der Lyuli keine Schule besuchen (dürfen?), wird sich das wahrscheinlich so schnell auch nicht ändern.

Nach fast vier Tagen in Chiwa hatten wir jedes Gässchen erforscht, alle Türmchen bestiegen, vom Tellerchen eines jeden Restaurants gekostet und sogar die Kinder der fernen Nachbarschaft kannten uns teilweise schon beim Namen („Hello Verena!“). Es war also höchste Zeit weiterzuziehen. Mit dem Zug zurück nach Osten. Unser nächster Halt war die Oasenstadt Buchara. Sie erlangte im Mittelalter sowohl als wichtiges Finanz- und Handelszentrum als auch als politisches und kulturelles Drehkreuz Bedeutung. In der Altstadt gibts deshalb neben Moscheen, Medressen und Mausoleen bauliche Spezialitäten zu sehen, wie beispielsweise eine Festung und Handelsgewölbe. Die Touristenscharen verteilten sich in Buchara wieder auf ein großzügigeres Gelände, Christian und ich konnten aufatmen. Im verlassenen bucharischen Vergnügungspark feierten wir unsere wiedergewonnene Leichtigkeit ausgiebig: Wir fuhren eine bedächtige Runde auf einem sonst unbesetzten, schaurig knacksenden Riesenrad. Danach nahmen wir im gähnend leeren Autodrom rasant an Fahrt auf, wo aus dem geplanten Duell zwischen Christian und mir dann doch ein wildes Triell wurde – ein Junge hatte unser Einsteigen beobachtet und wollte sich daraufhin ambitioniert an den Touris messen. Erfolglos. Wir haben ihn wortwörtlich in die Luft geschlagen. Beim Zurückschlendern zum Guesthouse ist uns dann ein zwölfjähriges Mädchen in Schuluniform hinterhergaloppiert und hat uns in erstaunlich gutem Englisch mit einer Geschwindigkeit zugeplappert, die mich an meinen alten Kassettenrekorder erinnerte, wenn man die Taste Fast Forward energisch gedrückt hielt. „May I introduce myself, my name is…“ Nach 5 Minuten brauchte Islomola eine Luftschnapppause, die sie dazu nutzte sich freudig unsere Adresse zu notieren. Eine Schar schüchtern-stummer, gleichaltriger Mädchen, alle einen halben Kopf kürzer, folgten ihr in kleinem Abstand. Christian und ich mögen das. Keine analogen Monologe über Seidenteppiche, Buchständer oder Filzschals. Sondern selbstbewusste, schäkernde Mädchen, die feststellen, dass Christian bolschoi (groß) ist, anschließend in einem scherzhaften Tonfall die einzig logische Folgefrage fragen: „Is your husband strong?“ und die dann in schallendes Gelächter ausbrechen, wenn ich meinen Blick gespielt unsicher zwischen meinen und Christians Oberarmen hin und her schweifen lasse: „Hm, maybe… chut‘ chut‘…“ (Vielleicht… ein biiisschen…). Wir hoffen, Islomola schreibt uns.

Buchara wartete uns am letzten Tag übrigens mit einer ganz besonderen Überraschung auf: Eine Medresse ganz ohne Souvenirstandl! Und nicht nur das, auch ohne andere Touristen. Nur ein alter Eintrittskartenmann. Und das mitten in der Stadt! Das Bauwerk gab sich offensichtlich schon länger dem Verfall hin, trotzdem hatte es mehr Charme als so manch andere, eitle, durch plastische Maurerchirurgie wiederhergestellte Medresse. Wir kletterten durch die löchrigen Räumlichkeiten, in denen sich früher die Studenten tummelten, bis uns der alte Eintrittskartenmann vom Dach rief. Sperrstunde.

Unsere letzte Zugfahrt in Usbekistan fand nach einer unfreiwilligen Bahnhofsübernachtung überraschend in einem modernen, ICE-ähnlichen Gefährt statt und führte uns in den Nordosten des Landes, nach Taschkent. Im Vergleich zu Samarkand, Chiwa und Buchara hat die Hauptstadt Usbekistans keine großen Sehenswürdigkeiten zu bieten. Das 2,4 Millionen Einwohner zählende Taschkent versprüht fast ausnahmslos russischen Charme. Im Jahr 1966 wurden durch ein verheerendes Erdbeben erhebliche Teile zerstört, der Wiederaufbau ermöglichte ein Facelifting der Stadt – sie wurde als Symbol sowjetischer Modernität grunderneuert. So mussten auch nur leicht beschädigte traditionelle Gebäude weichen, sogar eine U-Bahn wurde gebaut.

So hüpften wir gleich nach unserer Ankunft in die Metro und mischten uns, wie es inzwischen unsere Tradition geworden war, unter die Sauergemüse-, Kichererbsen-, Topfen- und Fettsteißeinkäufer. Es scheint kaum möglich, aber bisher hatte jeder Markt wieder etwas Neues zu bieten. Und so stießen wir tief unterhalb der Kuppel des Hauptgebäudes des Taschkenter Basars auf eine düstere Parallelwelt, in der gelagert, transportiert und beprobt wurde. Hier könnte Steven King locker seinen bisher besten Roman verfassen. Geruch, Belichtung und Akustik waren perfekt aufeinander abgestimmt.

So muss Sauron duften, ein Odour aus Schlachthaus, Chlor und nasser Tiefgarage; so muss eine Lampe flackern, kurz bevor Hannibal um die Ecke biegt; und jeder weiß, wie sich Darth Vaders Schnauben anhört…

Nüchtern betrachtet, gestaltete sich diese Unterwelt natürlich ganz anders: Das Chlor diente der Toilettendesinfektion, das Schnauben war der Belüftung zuzuordnen und die maroden Lampen beleuchteten nicht nur Warnhinweise zu Leberegel, Trichinen und Co., sondern auch die Wegweiser zu den veterinärmedizinischen Laboren. Insgesamt also sehr löblich! So kann man sich den Schaschlik um die Ecke gleich viel besser schmecken lassen. Oder die Pizza. Und die Sachertorte. Damit ließen wir auch gleich unsere schöne Zeit in Usbekistan ausklingen. Während wir verträumt durch das Restaurantfenster blickten und beobachteten, wie unser Kellner am Gehsteig einem Truthahn den Garaus machte und das Ganze gleichzeitig multitaskingbegabt mit seinem Smartphone filmte, dachten wir mit gemischten Gefühlen an Osch, wo wir Stinki hatten stehen lassen. Wie er die Zylinderkopfdichtungs-OP wohl überstanden hat? Ob er dann auch wieder so quietschfidel durch die Gegend würde brausen können, wie die ganzen weißen Daewoo Damas Deluxe Busse? Vielleicht hatten wir auch sein allerletztes schwarz-weißes Auspuffhusten versäumt und ständen vor einem Häufchen gelben Elend. Der Truthahn zuckte noch ein letztes Mal. Bald würden wir es wissen.

Meine Bilder für dein Zuhause!

4 thoughts on “Endstation Kulturtourismus

  1. Da bin ich jetzt doch überrascht, über den scheinbar doch recht ausgeprägten Tourismus, das hätte ich nicht erwartet.
    Liegt wahrscheinlich auch daran, dass die Gegend ein recht unbeschriebenes Blatt in meinem persönlichen Atlas darstellt.
    Sehr schöner Bericht mit tollen Bildern!

    • biemann-photography

      Naja, wie Vanessa geschrieben hat: diese von uns gefühlte Ausgeprägtheit kann daran liegen, dass wir in den 8 Wochen davor wirklich sehr wenig von Tourismus gespürt haben.
      Aber man müsste mal in die heimischen Pauschal-Reisebüro-Reklamen reinschauen, irgendwo findet man Usbekistan wohl darin. 😉
      Freut uns, dass dir der Bericht gefallen hat!

  2. Ein weiterer beeindruckender Bericht, speziell der Teil über Duschanbe. Muss gestehen, ich höre zum ersten Mal von der Hauptstadt Tadschikistans. Danke Euch für den Eindruck dieser mir bislang unbekannten Stadt!

    • biemann-photography

      Hi Anna!
      Vielen Dank, freut uns zu hören, dass der Bericht interessant, ja sogar beeindruckend ist! 🙂
      Super, dass wir dir hier eine unbekannte „Metropole“ näher bringen konnten 🙂


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