NEULAND - Pamirs Finger

// Über herausragende Persönlichkeiten

Zwar hatten wir uns an der wüstenhaften Geisterlandschaft von Pamirs Handrücken noch nicht annähernd satt gesehen, aber nach unserem Stopp im verschlafenen Dorf Bulunkul stand ein überwältigender Landschaftswechsel bevor. Ihr erinnert euch an Pamirs Finger, mächtige Ost – West – Gebirgszüge? Wir wollten im Tal zwischen den zwei südlichsten Fingern entlangfahren. Besagtes Fingertal ist toll, gar spektakulär. Zumindest haben das sowohl unser Reiseführer als auch die Mehrheit der Menschen behauptet, die schon dort gewesen waren. Davon mussten wir uns selbst überzeugen. Und weil einem bei meinen vielen geografischen Schilderungen leicht schwindelig werden kann, haben wir euch zur Erleichterung mit viel Liebe zwei Karten erstellt 🙂

Das sogenannte Wakhan Valley (Wakhan Tal) ist benannt nach dem Wakhan Gebirgszug, dem südlichsten Finger des Pamir Gebirges. Mit dem Wakhan Korridor habe ich euch schon im letzten Eintrag bekannt gemacht. Leute mit ausgeprägtem Langzeitgedächtnis wissen: Der Wakhan Korridor ist eine schmale afghanische Landzunge, alias die ehemalige russisch-britische Knautschzone, die sich heute zwischen Tadschikistan und Pakistan schiebt. Das Wakhan Valley wird von der tadschikisch-afghanische Grenze geteilt, so liegt der nördliche Teil des Tales auf tadschikischer Seite, der südliche Teil in Afghanistan. Ein Fluss bildet eine natürliche Barriere, weder Tadschiken noch Afghanen haben sich deshalb die Mühe gemacht einen Zaun zu bauen; und es gibt ohnehin kaum Brücken. An das Pamir-Gebirge schließt im Süden das nächste Gebirge der Superlative an: der Hindukusch, der zum Großteil in Afghanistan und auch ein bisschen in Pakistan liegt.

Ok, an dieser Stelle geb ichs zu: Ich habe auch ein bisschen den Überblick über Himalaya, Tian Shan, Pamir, Hindukusch, lila, türkise und braune Steine verloren.

Ich habe auch keine Ahnung, wie man zwei so aneinandergeschmiegte Gebirge wie Pamir und Hindukusch unterscheidet, beide hätten für mich auch ein und dasselbe sein können. Aber nicht einmal alle mir zugänglichen Quellen sind sich einig, welches Steinchen genau zu welchem Gebirge gehört… das wird mir dann hoffentlich am 24. Dezember mein nigelnagelneuer Geologe genau erklären. Bis dahin kann ich euch nur eins mit Sicherheit sagen: Es schaut wirklich saugeil aus im Wakhan Valley, wo man von allen Gebirgen ein bisschen was sieht. Ist ja nicht so, dass Christian und ich nicht schon in diversen Hochgebirgen herumgekraxelt wären, aber das Wakhan Valley sticht schon derb heraus, was die Luftschnappmomente betrifft. „Do geht ma steil!“, täten sowohl der profilierte Prolo als auch der ambitionierte Extrembergsteiger dazu sagen. Im Gegensatz zum Handrückenpamir, wo sich die Berge aus einer staubtrockenen Hochebene in sicherer Entfernung am Horizont hervorheben, umklammern im Wakhan Valley hochaufragende, spitzzahnige Bergmonster ein vergleichsweise fruchtbares Tal. Blickt man nach Süden, tummeln sich dort 5-, 6- und 7-Tausender auf afghanischem bzw. – gleich dahinter – auf pakistanischem Staatsgebiet. Im tadschikischen Norden sitzen, nicht weniger beeindruckend, so imposante 6000er-Persönlichkeiten wie Pik Engels und Pik Karl Marx.

In dieses märchenhafte Tal sind wir dann eingetaucht und einige hundert Kilometer an der tadschikisch-afghanischen Grenze entlangfahren. Und bevor jetzt eine unserer Omas oder Urgroßtanten einen Herzinfarkt bekommt: Bis auf wenige Minen an manchen Stellen der Grenze ist die Gegend absolut sicher. Der afghanische Wakhan-Korridor gilt als eine der am wenigsten erschlossenen Regionen der Welt, wahrscheinlich beschert ihm seine Unwegsamkeit Frieden. Wir haben sogar einen jungen Deutschen kennengelernt, der sich auf afghanischer Seite drei Esel (die hohe Anzahl gründet in der hohen Verschleißrate und Sturheit gepäcktragenden Getiers) gekauft hat und den Korridor damit rauf und runter spaziert ist.

Bevor wir aber in die Schönheit des Wakhan Valleys eintauchen konnten, mussten wir den eigentlichen Pamir Highway Richtung Süden verlassen. Die Straße wurde wieder deutlich schlechter – kein Wunder, liegt sie abseits von der Haupthandelsroute. Womit wir wieder bei den Wellblechpisten wären, für die wir nun, dank eines aufmerksamen Lesers eine Erklärung haben: Nicht das Rumpelstilzchen ist schuld an der Misere, sondern ein stoßdämpfersches Resonanzphänomen. Nur stellenweise erinnerte uns eine leere Patronenhülse, verkrustetes weißes Pulver in der Landschaft oder ein offensichtlich zugedröhnter Militärmitarbeiter daran, dass im Pamir nicht nur Touristen, sondern auch Drogen chauffiert werden. Zugegeben, das weiße Pulver war Salz und die Patronenhülse könnte locker auch von einer geglückten Schneeleopardenjagd stammen, aber heutzutage ist man dank Serien wie Narcos und Breaking Bad irreversibel in seinen Vorstellungen über das Drogengeschäft verdorben. Der zugedröhnte Militärmensch war aber leider keine Einbildung.

Nach Überquerung eines weiteren hohen Passes haben wir die trockene Hochebene mit den weißen Pülverchen hinter uns gelassen – Pamirs Finger, wir kommen! Nun näherten wir uns dem eigentlichen Wakhan-Valley, die Gegend wurde schleichend grüner, die Schafherden mehrten sich wieder und endlich, endlich fuhren wir erstmals auch auf Straßen, die ein Abenteuer erst zu einem Abenteuer machen: Nasir hupte. Blökend stob flauschiges und gehörntes Getier beiseite, die Hirten versuchten auf der Fahrbahn Ordnung in die animalische Unordnung zu bringen, damit keines ihrer Tiere in den sicheren Tod stürzte. Sich die enge, in die Bergflanke gebaute Straße zu teilen, war kein Leichtes. Eine Kuh rutschte mit den Hinterbeinen über den Straßenrand in Richtung Bergschlund, zappelnd fanden die Hufe wieder Halt und schnell war sie wieder in der Herde verschwunden. Die Hirten nahmen das Tohuwabohu ziemlich gelassen, wir waren inzwischen längst nicht mehr die einzigen motorisierten Straßenbenutzer, denen sie Platz machen mussten.

Hinter jeder Kurve schälten sich mehr und mehr Berge aus ihrem Versteck, die sägezahnartigen Grate und perfekt kegelförmigen Spitzen der Pamir- und Hindukusch-Eisriesen ließen die Zahl der Fotostopps ordentlich in die Höhe schnalzen. Aber nicht nur in der Ferne gabs ordentlich was zu sehen, zu unseren Füßen schlängelte sich der Pamir-Fluss, der sich kurze Zeit später mit dem Wakhan-Grenzfluss zum Panj vereinen sollte. An den Ufern wuchsen Pappeln und Weiden, deren satte Grün- und Gelbtöne Balsam für unsere Augen waren. So erschien uns die Siedlung Langar nach der kargen Hochgebirgslandschaft der letzten Tage wie eine saftige Oase. An den kleinen Wasserläufen, die die Hänge herunterflossen, wucherten wilde Hagebuttensträucher und verblühte Clematisranken. Fluchend zupfte ich bei unseren Stopps orange leuchtende Beeren von den übertrieben bedornten Sanddornhecken (zwecks Skorbut-Prävention) und ein depressiver Esel mit angefressenen Ohren freute sich über die von uns gesponserten Streicheleinheiten.

Das außergewöhnliche Grün dieses Tales ist weniger natürlich gewachsen als Khan-gesponsert. Ein kurzes Wort zu dieser Person öffentlichen Interesses, die hier im Pamir den Status des allerbesten Wohltäters überhaupt genießt: Karim Aga Khan IV., ist Nachfolger seines Großvaters als religiöser Führer von 20 Millionen ismailitischen Nizariten in 25 Ländern und gilt als direkter Nachkomme Mohammeds. Die Nizariten sind ein Zweig der Ismailiten, einer religiösen Richtung innerhalb des schiitischen Islams. Dabei sind die Frauen den Männern gleichgestellt, Bildung und Wissenschaft werden stark gefördert und die Gläubigen sind für ihre Religionsausübung nicht auf prächtige Gebäude angewiesen. Die meisten der Pamiri gehören dem Ismailitentum an, weshalb man im Pamir auch kaum Moscheen sieht. Wohltäter Karim wohnt mal in Frankreich, mal in der Schweiz und ist mit einem Vermögen von über 10 Mrd. Euro einer der reichsten Menschen auf diesem Planeten. Kein Wunder, er besitzt Banken, Zeitungen und Fluggesellschaften. Und er schafft es offensichtlich recht erfolgreich die Moderne mit dem Islam zu vereinen. Karim ist außerdem Schirmvater der größten privaten Entwicklungshilfsorganisation, der Aga-Khan-Stiftung. Diese nicht konfessionsgebundene (!) Organisation hat laut Wikipedia zum Ziel kreative Lösungen für Probleme, die soziale Entwicklung behindern, zu entwickeln und zu fördern – speziell in Asien und Ostafrika. Als notorischer Zweifler kann ich aber nicht umhin diesen unfassbaren Reichtum doch ein klitzekleinbisschen zu hinterfragen. Meiner Meinung nach kommt so viel Geld nicht vom Lieb zu anderen Menschen sein. Aber ich hab wohl wirklich zu viele einschlägige Serien geguckt…

Denn auch wenn sowohl Karim als auch sein Opa zwar privat als außerordentliche Gigolos gelten (bzw. galten), muss man ihnen eines lassen: Sie haben ziemlich coole Projekte ins Leben gerufen und sind hier im Pamir nicht nur deshalb in aller Munde.

Karim ist auch in Afghanistan ein starker Förderer des Wiederaufbaus. Um euch geschichtlich und geografisch noch weiter zu verwirren noch ein kurzes Wort zu den Menschen im Pamir: Quasi die ganze östliche Hälfte Tadschikistans gehört zur Autonomen Provinz Berg-Badachschan. Eigentlich wollte diese Region, die sich Russland im Zuge des Great Games unter den Nagel gerissen hatte, nach dem Zerfall der Sowjetunion ein eigener Staat werden. Man hat sie aber nicht lassen, sie wurde in Tadschikistan eingegliedert, die finanzielle Unterstützung aus der Hauptstadt aber eingestellt, weil sie so ungezogen gewesen war. Opa Karim fing Berg-Badachschan damals finanziell auf, schickte lasterweise Essenslieferungen, baute Straßen, Schulen und bezahlte die Lehrenden.

Heute leben in dem riesigen autonomen Gebiet Berg-Badachschan gut 220.000 Menschen (ca. 3% der Einwohner Tadschikistans). Die Bevölkerung ist zu Sowjetzeiten stark angewachsen, was das Überleben in der ertragsarmen Gegend nicht gerade einfacher gemacht hat. Und um euch vollends zu verwirren: Ein kleiner Teil der Bewohner des Berg-Badachschans gehört der kirgisischen Volksgruppe an (so beispielsweise die meisten Bewohner Karakuls und Murghabs). Der große Rest sind keine ‚echten‘ Tadschiken, wie man erwarten würde, sondern größtenteils ethnische Pamiri und gehören der iranischen Volksgruppe an. Anders als die ethnischen Tadschiken sprechen sie auch eine andere Sprache. Und erst als uns ein paar Menschen flüsternd korrigierten, dass sie keine Tadschiken, sondern Pamiri seien, haben wir kapiert, dass die Pamiri sich so überhaupt nicht als Tadschiken verstehen. In Zentralasien ist bei den Grenzziehungen gewaltig der Hund drin, findet ihr nicht auch? Dem aufmerksamen Reisenden entgeht auch nicht, dass sich die Gesichter entlang der Fahrt auf dem Highway bzw. im Wakhan Valley ändern. Wir fanden, dass schmalere Formen die oft runderen Gesichtszüge ablösten, die wir aus Kirgistan kannten; die Haut bekam einen dunkleren Teint. Es mag uns vielleicht täuschen, aber wir assoziierten die neuen Formen mehr mit afghanischen oder pakistanischen Gesichtern als mit mongolischen, russischen oder chinesischen. Auch die Kleidung deutete in diese Richtung, die Frauen trugen meist eine Kurta, eine Kombination aus Tunika und Pluderhose. Manche der älteren Männer erinnerten in ihren dunklen Sowjet-Style-Anzügen hingegen eher an Sapeurs. Auf jeden Fall sind die Pamiri auffallend schöne und stolze Menschen.

Zurück zur grünen Oase Langar. Dort herrschte reges Treiben, als wir ankamen: Der Sommer war fortgeschritten, die Felder schwanger mit reifem Weizen, bunten Kartoffeln und anderen nahrhaften Leckereien. Vielerorts war das Getreide bereits abgeerntet und goldgelbe Strohmandln raschelten im Wind. Das erste Mal auf dieser Tour schliefen wir bei einer tadschikischen – pardon! – pamirischen Familie. Als ich so in ihrem Garten stand, umgeben von bekanntem Geblümsel, stand plötzlich die redselige Oma des Hauses neben mir. Zwischen dottergelben Tagetes, schweinchenrosa Stockrosen und blutrotem Amaranth quetschte sie mich auf Russisch die gewohnten drei Dinge aus: Woher kommst du? Bist du verheiratet? Habt ihr Kinder? Um näher bei der Wahrheit zu bleiben und nicht als Rabenmutter zu gelten, die ihr Kind drei Monate bei der Oma in Österreich lässt, antworten Christian und ich inzwischen semi-wahrheitsgemäß mit: Avstria, ja und nein. Wie üblich kassierte ich den mitleidigen In-deinem-Alter-noch-kinderlos-Blick und rechtfertigte mich gekonnt mit einer Kombination aus beschwichtigenden Grinsen und abtuender Handbewegung. Die Oma sah das als Einladung mir ihren Fortpflanzungserfolg mit den Fingern ihrer zwei Hände vor Augen zu führen. Auch ok, war ich inzwischen schon gewohnt. Großes Lob und gespielte Anerkennung meinerseits.

Dann fragte sie mich, ob denn mein Mann gut wäre.

Hä? Ihrer sei nämlich super. Und, wie gerufen, kam Opa ums Eck gehumpelt und stellte sich grinsend neben das Topinamburbeet einige Meter hinter seine Frau. Jaja, toll sei er, ob denn meiner auch so super wäre? Sie schliefen ja noch immer so und so oft…. Huch! Oma, darauf war ich ausnahmsweise aber nicht vorbereitet. Nachdem wir die Superness unserer Männer kichernd geklärt hatten, schimpften wir noch ein bisschen über Trump und Politiker im Allgemeinen, beklagten die grassierende Arbeitslosigkeit und verglichen das österreichische Klima mit dem tadschikischen. Eins muss man den Leuten hier in ganz Zentralasien aber lassen: Dem mitleidigen in-eurem-Alter-noch-kinderlos-Blick folgen immer sehr aufmunternde Worte und eindeutige Handbewegungen. Und manchmal eine Einladung zu Kumys, Kefir oder Vodka. Aber ausnahmslos und einzig in Christians Richtung, der für Zentralasiaten augenscheinlich einzig logischen Fehlerquelle. Mehr als ein entwaffnendes Lachen können wir den Omas, Opas, Taxifahrern und Busbekanntschaften Zentralasiens aber mangels ordentlicher Russischkenntnisse ohnehin nicht bieten. Und die Leute lachen mit ihrem herzlichen, blendenden Lachen zurück. Die vielen Goldzähne zeugen davon, dass der Zahnbürstenmarkt noch sehr weit von seiner Sättigung entfernt ist. Dem Lachen folgte, speziell im Pamir, oft schon nach kurzem Smalltalk eine Einladung zum Tee oder gar zur Übernachtung. Und gerne hätten wir uns mehr der schönen Pamir-Häuser von innen angesehen. Aber man muss ein bisschen aufpassen diese nicht falsch zu interpretieren: Gastfreundschaft gehört nämlich einfach zum guten Ton und darüber hinaus erhält ein Haushalt, der einen Gast beherbergt, Gottes Segen.

Die Pamiris leben in spartanisch eingerichteten Häusern, in denen Praktikabilität und Philosophie verschmelzen. Diese hübschen weißgetünchten Quader mit den blauen Fenstern sind, wie ihre nahen Verwandten am Handrückenpamir, aus Lehm gebaut und besitzen ein Flachdach, auf dem alle möglichen Dinge – von Kuhfladen bis Marillen – getrocknet werden. Der Wohnraum ist auch Schlafraum, die Schlafmatten werden unter Tags verstaut und am Abend wieder ausgebreitet. Das Haus selbst wird von 5 hölzernen Säulen mit je mehreren symbolischen Bedeutungen (angefangen von den 5 Elementen bis hin zu Weisheit, Güte und Freundschaft) getragen. Ist doch wunderbar, wenn die stützenden Elemente deines Hauses nicht nur dein Dach, sondern auch schöne Werte tragen! Diese Säulen-Bedeutungen haben ihren Ursprung im Glauben des Zoroastrismus (Zarathustrismus), der hier zwei Jahrhunderte vor Christus dominierte. Die Zoroastrier nannten sich selber Arier (Oriyon) und praktizierten einen Sonnenkult. Wie in Indien ist das Sonnenrad (Swastika) deshalb (noch immer) allgegenwärtig. Ich muss, denke ich, nicht betonen, dass weder Glauben noch Symbolik des Zoroastrismus etwas mit den Ideologien Hitlerdeutschlands zu tun haben, auch, wenn die Leute hier stolz sind auf ihre arische Abstammung. Manch einer wollte uns nach einem lauten deutschen Hitlergruß auch weismachen, Hitler sei toll gewesen. Wir haben daraufhin resolute Aufklärungsarbeit geleistet. Schön finde ich hingegen, wie hier – vielleicht aufgrund der Verbundenheit zur Natur im Pamir – Reste des Zoroastrismus in die islamischen Glaubensvorstellungen integriert werden (bzw. umgekehrt). So überrascht es einen umgekehrt aber auch nicht, dass man (während man wohlig man unter Aga Kahns Portrait am Abend auf Bodenmatten bei Plov sitzt) die 5 Säulen des Pamir-Hauses nicht mehr als Feuer, Wasser, Freundschaft, Weisheit, Luft, sondern als Mohammed, Ali, Fatima, Hassan und Hussein vorgestellt bekommt…

Weil es uns in Langar so gut gefallen hat, haben wir dort einen extra Tag eingelegt und uns die Füße ein bisschen in den Bergen vertreten. Unterhalb von Pik Engels und Pik Karl Marx sind wir entlang steiler Hänge gestapft. Eine Prise Wüste verfolgte uns nach wie vor, abseits der Wasserläufe wirbelte jeder Schritt Staub auf. Zu meiner Freude blitzte stellenweise eine weitere geologische Neuheit, weißer Marmor, pestbeulenartig aus dem kargen Boden hervor. Der Wind pfiff uns um die Ohren und trug Esel- und Kindergeschrei aus dem Dorf hoch in die Berge hinauf, von Zeit zu Zeit mischten sich bayerisch gefärbte Flüche darunter, wenn spitz bedorntes Grünzeug sich kriegerisch in unser Fleisch bohrte.

„Aua, scheißeee! Geh schleich di, des Sanddornklumpad is wos unnädigs, des Gstaudarad brauchata ned aso fördern, da Karim.“

Über uns tobten Herden weißer Wolken friedlich am Himmel. Ein Bartgeier (!) zog neugierig seine Bahnen oberhalb unserer Köpfe und eine Libelle brauste an unserer Nase vorbei, ihr Glück überraschend am Berg suchend. Freudig fröhlich hirschte ich zerkratzt bunten Heuschrecken und widerspenstigen Himalaya-Agamen hinterher, während Christian geduldig die mächtigen Riesen der gegenüberliegenden Gebirgszüge des Hindukush timelapste. Wir teilten unsere Kekse mit einem sonnengegerbten Hirten, der von einem Hund mit Platzwunde begleitet wurde. Da hat wohl der gute Hirte sein Ziel verfehlt, als er versucht hat seine Herde mit Steinwürfen umzulenken…

Langar war wahrlich ein schönes Plätzchen, hier hätten wir es sicher länger ausgehalten. Wir mussten aber unseren vertraglichen Verpflichtungen nachkommen und standen so am nächsten Morgen wieder pünktlich bereit zur Abfahrt. Entlang des immer breiter werdenden Flusses schlängelten wir uns das Wakhan Valley entlang. Wir blickten neugierig ans gegenüberliegende Ufer, die Häuser und Leute in Afghanistan schienen sich nicht von denen auf tadschikischer Seite zu unterscheiden. Genauso wie in Tadschikistan stampften dort Esel im Kreis auf den frisch geernteten Weizenähren, Frauen standen in bunten Kleidern gebückt in den terrassenartig angelegten Feldern und sogar die Weiden und Pappeln hatten dieselbe Farbe. Wo wir wieder bei willkürlichen Grenzziehungen wären. Historisch gesehen halten vom Menschen gezogene Grenzen aber ohnehin nicht lange. Die Zeiten der Umbrüche überdauern nur die besonders Hartnäckigen, so beispielsweise eine alte Stupa aus vorislamischer Zeit oder zwei noch viel ältere Festungsruinen aus der Ära der Feueranbeter, die wir an diesem Tag besuchten. Fast so hartnäckig wie die Stupa der Zeit trotzte, war auch ein kleiner Junge gewesen, der uns (ungebeten) den kurzen Spaziergang zu dem buddhistischen Bauwerk hinaufbegleitet hatte. Er wollte Geld fürs Eskortieren, er sei nämlich ein Guide. Davon war er offensichtlich fest überzeugt. Money, money. Oder wahlweise einen Fidget Spinner aus dem Shop um die Ecke, die Entscheidung hat er gnädiger Weise uns überlassen. Hier trieb der Tourismus also bereits seine ersten zarten Blüten, aber Christian und ich sind ja mit mindestens genauso vielen Wassern gewaschen wie unser Guide.

So bedienten wir uns am Rückweg zum Auto unseres bescheidenen Repertoires und trällerten ihm falschfröhlich die wildesten Gstanzl und die schönsten, alten, österreichischen Kinderlieder vor.

Im Gegenzug wollten wir dafür von ihm money money. Und unser Preis war höher als seiner, schließlich waren wir zu zweit. Das Prinzip hat der Junge verstanden. Und sich daraufhin seine Ohren zugehalten. Der war also in seinen Lösungen genauso kreativ wie wir, alle Achtung! Am Ende regnete es für ihn aber weder Geld noch Fidget Spinner, wir saßen eben doch am längeren Ast.

Von überdauernden Bauwerken arbeiteten wir uns anschließend vor zu wundertätigem Thermalwasser. Da das Gebiet im Pamir geologisch sehr aktiv ist, findet man hier auch einige heiße Quellen, denen allesamt bereits vor ewiglanger Zeit fruchtbarkeitsfördernde (man beachte: keine Wunderstätte Zentralasiens verfehlt die Fruchtbarkeit!), rheumabekämpfende und allgemein wohltuende Wirkungen zugeschrieben worden sind. Und jeder einzelne Passagier des Nissan Patrols wollte natürlich unbedingt davon profitieren! So fuhren wir zur Quelle Bibi Fotima. Wahrlich heiß und wohltuend, ja! Jedoch tritt die fruchtbarkeitsfördernde Wirkung aber offensichtlich erst ein, wenn man sich Kopf voran durch ein kleines Loch im Gestein zwängt. Da üblicherweise keiner der Gäste Badebekleidung trägt (die zwei kleinen Becken sind nach Geschlechtern getrennt), kann es schon vorkommen, dass man unfreiwillig eine sehr ausführliche Hinteransicht seiner Mitmenschen zu sehen bekommt. Nach Christians Erzählungen denke ich, dass Nasir der einzige mit Kinderwunsch war …

Vom Thermalwasser aufgeheizt, erreichten wir am Abend Ishkoshim, ein sympathisches 6000-Einwohner Dorf, in dem ebenso wie in Langar reges Erntetreiben herrschte. Dort befindet sich auch eine von insgesamt vier Aga Khan gesponserten Brücken nach Afghanistan. Sonntags kann man auf dieser Brücke theoretisch einem kleinen afghanisch-tadschikischen Basar beiwohnen, sofern man seinen Pass für die kurze Zeit am Kontrollposten abgibt. Leider war der Basar ausgerechnet an diesem Sonntag geschlossen, nur zu gerne hätten wir unsere Kekse mit Wakhan-Afghanen geteilt. Aber so sind wir, auch ohne afghanische Rosinen probiert zu haben, rausgeflitzt aus dem Wakhan Valley. Adieu, du schöne Welt! Und in Khorugh, der Provinzhauptstadt Berg-Badachschans, gelandet. Wir nahmen planmäßig Abschied von Nasir und seinem Nissan Patrol. Zusammen mit Claire und Matt wollten wir von dort aus nach Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, fliegen. Dieser Flug soll einer der schönsten überhaupt sein, in einer alten russischen 18-Sitzer Propellermaschine kurvt man zwischen (nicht über!) den westlichen Riesen der Pamir-Finger hindurch. Unser Plan war gut, hatte aber gleich mehrere Haken: Erstens gibts nur dieses eine Flugzeug und es fliegt nur, wenn es nicht in der Werkstatt steht. Zweitens: Es fliegt auch nur, wenn absolut reinstes, schönstes Wetter herrscht. Drittens: Es fliegt ebenso nur dann, wenn sowohl in Duschanbe als auch in Khorugh jeweils mindestens 17 Menschen mitfliegen wollen. Viertens: Es gibt kein Flugticket im Voraus zu kaufen, dafür aber eine mystische Warteliste.

Nachdem uns Khorugh ohnehin mit seinem Zigeuner-Charme so gar nicht eingenommen hat, wollten wir (besonders ich) schnell weg. Deshalb gibts auch kaum Fotos von dort. In aller Herrgottsfrüh – nur der frühe Vogel fängt den Wurm! – sind wir im langsamsten Taxi, das uns je untergekommen ist, zum Miniflughafen gefahren wäre übertrieben. In Zeitlupe kroch der rotzelnde Taxler eiskalt an einem wedelnden Polizisten vorbei, der uns als Reaktion nur resigniert nachgesehen hat. Endlich am Flughafen angekommen, warteten wir mutterseelenallein in einem alten Sowjetgebäude in einem leeren Raum ohne Einrichtung, dafür mit Kamin, auf ein mögliches Ticket. Wir schlurften gelangweilt über den zerrissenen PVC-Boden und warteten, dass sich das ca. 20 cm² große Loch des Ticketschalters öffnen würde. Babyblauer Putz blätterte von den Wänden. Claire und Matt erschienen. Schwaden betäubenden Geruches wehten vom benachbarten, sicher schlimmsten tadschikischen Plumpsklogebäude in die Räumlichkeit des Flugticketmäuselochs. Die Zeit verging. Niemand kam. Vielleicht gab es auch noch ein Fünftens: Der Flieger fliegt auch nur, wenn der Pilot am Wochenende nicht durchgezecht hat. Es bleibt ein Mysterium, warum an jenem strahlendblauem-Himmel-Tag der täglich geöffnete Schalter nicht öffnen wollte. Die Alternative: Eine 14-stündige Sammeltaxifahrt. Nachdem Christian eine kreischende, verfilzte Babykatze von einem tadschikischen Baum gerettet hatte (dass die Viecher aber auch überall auf dieser Welt dieselben Fehler machen?!), bestiegen wir mit einer Handvoll anderer Leute einen Minibus. Quälende Stunden schwitziger, staubiger Rüttelfahrt lagen vor uns. Im Nachhinein denken wir ein bisschen wehmütig an diese Fahrt zurück: Diese Strecke hätte nach einer Menge Fotostopps, also einem eigenen Auto, verlangt. Im Sammel-Minibus leider nicht möglich. Während Rihanna und dutzende ihrer Musikartgenossen ohrenbetäubend laut durch alle vorhandenen Lautsprecher des Minibusses krähten, riskierten wir irreversible Nackenverspannungen, wenn wir unsere Hälse zum besseren Ausblick Richtung Fensterscheiben reckten. Den Großteil fuhren wir an der südlichen Grenze Tadschikistans zu Afghanistan entlang, durch atemberaubend enge Schluchten. Eine wunderschöne Gegend, in der wir das Glück haben sie als Touristen sorglos genießen zu können. Auf gegenüberliegender Seite wurde fleißig an einer neuen Straße gewerkelt: Mit steinzeitlich anmutenden Presslufthammern, aber auch mit Hammer und Meißel arbeiteten sich dürre afghanischer Arbeiter in den blanken Fels hinein. Offensichtlich campierten sie mit ihren Familien unter unmenschlichen Bedingungen schon länger in den Felswänden um den Bau der Straße voranzutreiben. Auf uns wirkte die Szene skurril in Anbetracht dessen, dass am gegenüberliegenden Ufer auf tadschikischer Seite schon lange eine – wenn auch schlechte – Straße existiert. Donnernd kamen uns auf unserer Flussseite regelmäßig Versorgungs-LKWs entgegen, während keine 150 m entfernt Menschen schufteten um ein Paralleluniversum zu erschaffen. Erst wenige Stunden vor Duschanbe kehrten wir dieser Grenze, der wir so lange gefolgt waren, den Rücken. Trotz einbrechender Finsternis zeichnet sich dann ab: Wir haben den Pamir verlassen, von der spärlich besiedelten Berglandschaft schaukelten wir nun in Tadschikistans warme, flache Niederungen.

Meine Bilder für dein Zuhause!

6 thoughts on “Pamirs Finger

    • biemann-photography

      Oh ja, finde ich auch! Vanessa wird immer mehr zum Multitalent… (ich hab nur minimal im Photoshop ausgeholfen)
      Vielleicht plant sie die Website komplett zu karpern 😀

      Danke dir fürs Kommentar!

    • biemann-photography

      Hui, freut mich sehr begeistern zu können! Wobei das Lob gehört den Bergen ausgesprochen 😉
      Danke dir!


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