NEULAND - Pamirs Handrücken

// Das Dach der Welt hat blaue Fenster

In den folgenden beiden Blog-Artikeln entführen wir euch in atemberaubend schöne Gegenden, aber ich muss euch gleichfalls vorwarnen: Die umfangreich gestalteten Einträge befassen sich nicht nur mit den weltbewegenden Skurrilitäten unseres Reisealltags, sondern auch sehr überschwänglich mit geografischen, politischen und kulturellen Themen. Ich hoffe, dass trotzdem oder vielleicht gerade deshalb für jeden ein passendes Schmankerl dabei ist!

Bevor wir aber wieder Großes leisten konnten, dümpelten wir vorerst noch in Oschs dunklen Werkstätten herum. Den zweiten Tag von Stinkis Herz-OP haben wir jedoch wieder außerhalb der Werkstatt verbracht. Wir waren inzwischen der Meinung, dass wir ihm genug beigestanden hatten und auch mal was für uns tun durften. Mit einem Hauch schlechten Gewissens frönten wir der neuen Freiheit und haben uns Osch angesehen, einem schon in früheren Zeiten wichtigen Punkt auf der Seidenstraße. Die eigentlich einzige wirkliche Sehenswürdigkeit der alten Handelsstadt ist der Suleiman-Too, ein mittelgroßer Berg, um den sich die Stadt schmiegt. Um und in dieser heiligen Erhebung findet man eine Reihe alter Kultstätten. Ein paar sind heute noch in Betrieb und so zwängen sich Leute zur Bekämpfung von Unfruchtbarkeit, Kopf- und Rückenschmerzen in Gesteinslücken, stecken ihre Köpfe in Aushöhlungen oder rutschen drei Mal hintereinander kleine Abhänge hinunter. Hier mischen sich islamische mit vorislamischen Glaubensvorstellungen.

Ein bisschen Voodoozauber hätten wir auch gut gebrauchen können, vielleicht hätte dreimal mit gesalzenen Bananenschalen um den Bus herum tanzen geholfen. Oder fünf Situps in der Fahrerkabine mit einer roten Zwiebel im Mund. Denn die meisten von euch haben es beim Lesen unseres letzten Blogbeitrages ja bereits geahnt: Die weitere Geschichte mit Stinki ist nicht wirklich nach unseren Vorstellungen verlaufen. Zwar hatten wir aus Loyalität beschlossen, ihn doch noch öffnen und auf Kirgisisch reparieren zu lassen, aber da wussten wir schon, dass wir den Pamir Highway wohl nicht mehr als Trio bewältigen würden.

Stinki schien von unserem Motto ‚Einer für alle, alle für einen‘ nicht sonderlich überzeugt zu sein und so waren unsere Bedenken inzwischen einfach zu groß geworden, dass er uns irgendwo im Hochgebirge gänzlich im Stich lassen würde. So wurden aus drei Musketieren wieder zwei.

An diesem letzten Abend in Osch lieferte ich mir noch ein letztes Wortgefecht mit Vladislav, dem mafiös wirkenden Werkstattbesitzer mit Silberkettchen. Der Bus war zwar noch nicht fertig repariert, die Rechnung aber gestiegen. Am Ende tiefes Seufzen und Schulterzucken unserseits und so ließen wir Stinki in Vladislavs Obhut. Und bevor wir jetzt irgendwelche voreiligen Buhrufe zu hören bekommen: Wir haben Stinki mit dem Versprechen verlassen wiederzukommen. Mitte Oktober würden wir uns um sein weiteres Schicksal kümmern.

Eines der Hauptaugenmerke unserer Reise war ja der Pamir Highway gewesen, die zweithöchst gelegenen Fernstraße der Welt. Ihr Anblick in der Google-Bildersuche lässt nämlich nicht einmal den alteingesessensten Couch-Potato kalt, das sag ich euch. Und so wehte schon letzten Winter der süße Duft von Fernweh durch unsere Wohnung und entfachte in uns rege Fantasien über einsame Hochebenen, bunte Wildblumen und schmatzende Yaks. Ich möchte euch das Gebiet um den Pamir etwas näher vorstellen, diese Gegend der Superlative verdient eine Extra-Zuwendung. Der Pamir ist sicher jedem ein Begriff, aber viel mehr als ‚Hochgebirge‘ wird den meisten dazu auch nicht einfallen. Zugegeben, ich musste auch erst Wikipedia befragen um zu wissen, dass er zusammen mit dem tibetischen Hochland und dem Himalaya das ‚Dach der Welt‘ bildet. Die Länder Kirgistan, China, Afghanistan und Tadschikistan teilen sich den Pamir. Versucht euch das Gebirge als Hand mit sechs Fingern vorzustellen: Den Handrücken bildet der östliche Pamir, ein Hochplateau von 4000 bis 5500 Metern Höhe. Da könnte sich der Großglockner locker drunter verstecken. Von dieser Handrücken-Ebene ausgehend strecken sich – von Ost nach West – seine Finger, sechs mächtige Gebirgszüge. Die Gipfel dieser Gebirgszüge sind ziemlich beeindruckend. Erstens, weil sie wirklich hoch sind. Nicht mickrig Traunstein-hoch, nein, wirklich hoch. Teilweise über 7000 Meter. Außerdem ragen sie ziemlich steil und mächtig empor, da sie durch bis zu 3000 m tiefe Täler voneinander getrennt sind. Und als wäre das noch nicht beeindruckend genug, findet man im Pamir verstreut Leckerlies, wie Meteoritenkrater, Geysire und den Fedtschenko-Gletscher. Das ist mit 70 Kilometer Ausdehnung der längsten Gletscher außerhalb der Polarregionen. Darauf könnte man glatt von Linz nach Gmunden rutschen. Trotzdem ist die Gegend aber eher lebensfeindlich, in vielen Regionen fällt kaum Niederschlag, im Sommer klettern die Temperaturen hoch hinauf und im Winter (sehr) steil nach unten.

Die Gegend klingt prinzipiell schön, aber vielleicht nicht unbedingt so, als würde man dauerhaft dort leben wollen. Man sieht sich solche Landschaften dann doch lieber im Fernsehen an, während man gemütlich auf dem Sofa lümmelt oder man macht, wie wir, höchstens eine Stippvisite als Tourist. Tatsächlich aber leben hier Menschen, Dörfer und kleine Städte findet man auch noch über 3000 Meter Höhe. Die Haupteinkommensquelle ist die Viehzucht (Yaks und Fettsteißschafe; Pferde haben wir in diesen Höhen keine mehr gesehen). Viele der Ansiedlungen sind jüngeren Datums, sie dienten als militärische Stützpunkte während des historischen Konfliktes zwischen Großbritannien und Russland. Diese als ‚Das Große Spiel‘ (The Great Game) betitelte Reiberei dauerte von 1813 (Napoleons Rückzug aus Russland) bis 1917 (bzw. 1947 – britischer Rückzug aus Indien) und erfährt, zumindest soweit ich mich erinnern kann, im Geschichtsunterricht österreichischer Schulen keinerlei Aufmerksamkeit. Dabei wäre sie durchaus eine Erwähnung wert gewesen, ging es dabei um die Vorherrschaft in Zentralasien und in weiterer Folge – laut einiger Geopolitologen – um die Weltherrschaft.

Die Russen wollten in erster Linie einen eisfreien Hafen im indischen Ozean haben, was man ihnen nun wirklich nicht verübeln kann. Die Briten wollten aber nicht, dass die Russen in ihrer Nähe spielen und so begannen sich die zwei Streithanseln gegenseitig Sand in die Augen zu werfen. Damit die blöden Russen ja nicht weiter nach Süden kommen können, hat Großbritannien daraufhin versucht sich Afghanistan unter den Nagel zu reißen, es gab zwei Anglo-Afghanische Kriege. Das hat nur so lala geklappt, denn die Afghanen wollten einfach partout nicht zu den 5-Uhr-Teetrinkern gehören. Die Briten ließen sich aber so schnell nicht abschütteln und blieben vorerst in Afghanistan, so konnten zumindest die Russen nicht auf der afghanischen Wiese spielen. Die russischen und britischen Kolonialinteressen kollidierten also vorerst an der afghanischen Grenze. Dank ihrer Hartnäckigkeit haben es die Briten dann doch noch geschafft sich ein Drittel von Afghanistan abzuschneiden und der indischen Kronkolonie zuzusprechen (heute gehören diese Regionen zu Pakistan). Das restliche Afghanistan hat sich einige Jahre später im dritten Anglo-Afghanischen Krieg die endgültige Unabhängigkeit von Großbritannien erkämpft. Das nun freie Afghanistan diente aber weiterhin als Puffer zwischen Russisch-Zentralasien und Britisch-Indien, die sich fortan besser vertrugen und sich im Ersten Weltkrieg sogar verbündeten. Ein Relikt der einstigen Unstimmigkeiten zwischen GB und RU ist der Wakhan-Korridor. Diese sehr schmale afghanische Landzunge schiebt sich über eine Länge von ca. 300 Kilometern zwischen die heutigen Länder Tadschikistan und Pakistan und entstand als russisch-britische Knautschzone. Zu dieser Gegend möchte ich euch aber später mehr erzählen.

Warum ich den beiden Streithanseln überhaupt so viel Aufmerksamkeit gewidmet habe: Erstens, weil viele der heutigen Konflikte in den kolonialen Bestrebungen alter Großmächte wurzeln (Bsp. Afghanistan, Tibet, Myanmar usw.). Und zweitens, weil es den Pamir Highway ohne diesen historischen Konflikt vielleicht so nicht gäbe. Die Fernstraße folgt zwar teilweise einer Route der alten Seidenstraße, befestigt wurde sie aber erst im Zuge des ‚Großen Spiels‘ der beiden Weltmächte. Heute reicht der Pamir Highway über eine Entfernung von ca. 1200 Kilometern von Osch in Kirgistan bis in die tadschikische Hauptstadt Duschanbe.

Nun hat uns Stinki also in Osch, dem Tor zum Pamir Highway, verlassen. Oder wir ihn, wie auch immer. Wir hatten zwar eine Menge Gepäck, aber keinen wirklichen Plan. Da kamen uns Claire und Matt gerade recht. Die beiden Engländer waren auf der Suche nach zwei Mitreisenden um sich die Kosten für ein Mietauto mit Fahrer für einen Teil des Pamir Highways (in 8 Tagen von Osch nach Khorugh) zu teilen. Und so unterschrieben wir an einem Freitag, dem 15. September 2017, in einem Tourist-Office bei Kirschsaft und Keksen feierlich einen Vertrag, in dem wir uns nicht nur verpflichteten brav den geforderten Betrag zu entrichten, sondern auch morgens immer pünktlich am Sammelpunkt zu erscheinen UND uns auch während der gesamten Dauer der Tour nicht zu streiten.

Zwecks notwendiger Effizienzsteigerung unserer Reiserei haben wir die Tour gleich am nächsten Morgen gestartet und zeitgleich feststellen müssen, dass unser Stinki nicht das einzige marode Gefährt am Pamir Highway gewesen wäre. Aber um fair zu bleiben: Bis auf zwei platte Reifen und das durch die kaputte Kofferraumtür erschwerte Rucksack-Sackerl-Wasserflaschen-Tetris hat der Nissan viel weniger herumgezickt, als unser Stinki es wahrscheinlich getan hätte.

Und so ist das erste Mal auf unserer Reise das Transportmittel in den Hintergrund gerückt und wir konnten uns auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren.

So rieten ausnahmslos alle Informationsquellen ausdrücklich zur Anschaffung eines bedeutenden Süßigkeitenvorrates, da man am Highway keine nennenswerten Mengen an Keksen, Trockenfrüchte und Schokolade vorfindet, die man aber angesichts des rauen Klimas und der kargen Landschaft aber unbedingt und dringend benötigt. In Nachhinein kann ich beruhigen, alles Blödsinn. Fake News. Zwar gibt es kaum Minishops auf dem Pamir Highway und wenn dann nur mit sehr, sehr bescheidenem Assortiment, aber verhungern wird man nicht. Allem voran erlebt man keinen Zuckermangel. Man vertieft aber sehr wohl seine Beziehungen zu Plov, ein von Russland bis Persien weitverbreitetes, allgegenwärtiges, variantenreiches Reisgericht.

Mit dem ersten Pamir Plov wurden wir gleich in Sarytash, der letzten Ansiedlung vor der tadschikischen Grenze, gefüttert. Innerhalb weniger Fahrstunden verlässt man die Ebene von Osch (auf knapp 1000 m Seehöhe gelegen), schraubt sich einen hohen Pass (ca. 3600 m) rauf um dann wieder runter zu flitzen nach Sarytash (ca. 3100 m). Sarytash liegt im letzten kirgisischen Tal im Süden vor Tadschikistan. Hier steht man am Fuße des Pamir Gebirges und ein atemberaubender Blick auf die ersten fetten Bergen lassen vermuten, was einen dahinter erwartet. Das ganze Auf und Ab kann den Reisenden aber wortwörtlich außer Atem bringen. Und so sind wir, um die schöne Zeit im Pamir nicht aufgrund der Höhenkrankheit reiernd über stinkenden Plumpsklos zu verbringen, kurz vor der tadschikischen Grenze erst mal nach Westen ins Alay Tal abgebogen. Akklimatisierung war angesagt und ganz nebenbei kann man sich dabei einen gutmütigen Riesen aus der Nähe ansehen: Der Pik Abuali ibni Sino (früher und besser bekannt als Pik Lenin) ist mit seinen 7134 Metern der zweithöchste Berg des Pamir und gilt als einer der am leichtesten zu besteigenden 7000er weltweit. Zugegeben, eine solche Beschreibung kitzelt den Ehrgeiz gewaltig; 7000 Meter, leicht zu besteigen… wär schon fein, mal so ein bisschen extravagante Höhenluft zu schnuppern! Wir verschoben unsere großen Pläne aber auf irgendwann später im Leben, denn allein schon der Spaziergang vom Jurtencamp in Richtung des Base Camps forderte unser respiratorisches System ordentlich. Der kleine Ausflug im Graupelschauer führte uns zwischen Yaks hindurch über unzählige Wurmeltierlöcher in eine Landschaft als wäre sie aus Tolkiens Mittelerde kopiert: Kleine, blaugrüne Seen sprenkelten die weichen Wiesen unterhalb der Bergflanken, mittendurch zog sich grob ein Riss, auf dessen Grund sich ein grauer Fluss bewegte. Die ganze Gegend schien aus weichem Gestein gebastelt. Und wieder hat der Liebe Gott sich der ganzen möglichen Farbpalette bedient: In der einen Bergflanke blitzte ein riesiges Türkis-Geschwür aus bröckeligem Ocker-Untergrund und am gegenüberliegenden Berg flossen satte Violette auf sandigem Schwarzbraun den Hang hinunter. Gelbgrünes Gebüschel ruhte fleckig darüber. Kaum vorstellbar, dass wir keine fünfzehn Kilometer nördlich von hier durch eine flache Wüstenlandschaft gefahren waren, wo unzählige Minitornados in der Ödnis herumgeturnt hatten. Im krassen Gegensatz dazu schob sich vor uns nun einer der weltweit höchsten Berge empor – es ist mir nach wie vor ein Rätsel, wie ein solches Ungetüm in einer so bröseligen Landschaft überhaupt entstehen kann. Offensichtlich wollte der Geheimniskrämer aber ohnehin seine Ruhe haben, denn Schichten sturmschwangerer Wolken verwehrten uns den Blick auf seine Majestät. So traten wir unterkühlt den Rückzug zu Plov in unserer Jurte an, die streng nach regennassem Schaf roch. Möglicherweise bin ich ja mit meiner Geschäftsidee der kirgisischen Zeit voraus, aber wie wärs mit Merino-Jurten? Wärmend, schnell trocknend und geruchsneutral!

Aber auch der vielversprechendsten Geschäftsidee wäre ich nicht weiter nachgegangen, spätestens am nächsten Tag wären sie ohnehin verblasst angesichts der wachsenden Schönheit des Pamir. Wir nahmen Abschied vom Pik Lenin und fuhren zurück nach Sarytash. Von dort aus fährt man mit Anlauf nach Süden über den Kyzyl-Art-Pass (ca. 4300 m) auf den Handrücken des Pamir Gebirges. (ich erinnere: Der östliche Pamir ist ein Hochplateau von 4000 bis 5500 Metern Höhe, unter dem sich der Großglockner verstecken könnte). Der Pass markiert die kirgisisch-tadschikische Grenze und liegt in einer ziemlich rauen Gegend. Die rustikalen Grenzposten liegen mehr als 20 Kilometer auseinander, in dem Niemandsland dazwischen gibts nur ausgestorbene Malkastenlandschaft. Und eine Straßenmeisterei, die eigentlich ziemlich verwahrlost wirkt.

Der Pamir Highway ist durch seine Nähe zu Afghanistan leider eine der Drogen-Hauptverkehrsrouten, auf der Rauschmittel über Tadschikistan nach Kirgistan bzw. Usbekistan geschmuggelt werden, von wo aus sie dann nach Russland bzw. weiter nach Europa gelangen. Sowohl an Checkpoints auf dem Highway als auch an den Grenzen wird teils streng kontrolliert. Uns schienen die Grenzbeamten auf beiden Seiten aber ziemlich bestechlich. Sie waren sicher schlecht bezahlt und die Grenzgebäude sahen auch nicht gerade so aus, als würde man sich gerne hier aufhalten… Vor allem die Staatsbediensteten auf tadschikischer Seite sind bekannt dafür je nach Laune und Wetter Gebühren für alles Mögliche zu verlangen. Nasir, unser Fahrer, wusste das scheinbar auch, so hatte er noch in Osch fleißig für die Grenzbeamten eingekauft: Vodka und Milchpulver. Beide Opfergaben dürften sie aber nicht überzeugt haben, da Nasir zusätzlich sichtbar nicht glücklich zu seinem Geldvorrat im Handschuhfach greifen musste. Schlechten Grenzüberschreitungstag erwischt.

Nachdem wir uns den Stempel in unserem Pass geholt hatten, waren wir also da, am atemberaubend schönen Handrücken des Pamirs. Eine Hochebene mit weichen Bergflanken am Horizont. Sanft umringt von Riesen weit jenseits der 4000 Meter Marke, viele davon namenlos. Aber so abgelegen die Gegend auch sein mag, unberührt ist sie nicht. Auch hier gibts, unübersehbar, menschliche Versuche irgendwo Grenzen aufzustellen, wo in Wirklichkeit keine sind. Parallel zum Highway erstreckt sich über eine gefühlte Ewigkeit ein schnurgerader Grenzzaun auf tadschikischem Boden. China hat hier jenseits seiner eigenen Grenze tadschikisches Land gepachtet/erschnorrt/erkauft, wie immer man es nennen möchte, und einen Sicherheitszonenzaun aufgestellt, der sich über hunderte Kilometer erstreckt. Im Gegenzug beteiligt sich China fleißig am Straßenbau nach und in Tadschikistan um seine eigenen Waren dort (meist unter dem örtlichen Preisniveau) feil bieten zu können.

Trump würde diesen Deal beautiful nennen.

Uns erschien der Zaun angesichts der Landschaft lächerlich mickrig. Dasselbe werden sich auch die Einheimischen denken, immer wieder sah man Löcher im Zaun, das Sicherheitszonengras scheint ihren Tieren auch zu schmecken.

China beiseite. Heuer zu Weihnachten wünsche ich mir einen Geologen. Wie schon so oft auf dieser Reise hätte ich dort gern meinen persönlichen Geologen mit an Board gehabt. Inzwischen seid ihr meine geologischen Farbschilderungen wahrscheinlich schon leid, aber: Pamirs Handrücken entpuppte sich als wüstenartige Mondlandschaft – und tatsächlich gibt es hier mehrere Meteoritenkrater! Außerdem waren dem Lieben Gott für die weite Ebene scheinbar das Türkis und Violett ausgegangen, das restliche Braun in seinem Farbkasten vermischte er mal mit wenig, mal mit mehr Wasser und tauchte so die Hochebene in ein Spektrum pastellfarbener Staubtöne. Blau war wohl auch noch etwas übrig gewesen, denn damit bepinselte er sowohl den Karakul-See als auch alle Fenster und ein paar vereinzelte Leiter-Sprossen der Pamir-Dörfer. Der schillernde Karakul See ist zwar das größte Gewässer Tadschikistans, liegt aber skurriler Weise inmitten einer extrem trockenen Landschaft auf über 3900 Meter Seehöhe. Entstanden ist der salzige See durch einen Meteoriteneinschlag, was ihn in meinen Augen gleich doppelt so schön macht. Wir haben das liebliche Gewässer an jenem Tag noch ausgiebig angehimmelt. Das angrenzende 1000-Seelen-Dorf Karakul hat aber nicht minder Eindruck bei uns hinterlassen. Die weißgetünchten Häuser mit den blauen Fenstern sehen von außen recht bescheiden aus. Alle sind sie quaderförmig und haben ein Flachdach mit schokobraunem Kuhfladen-Topping, nach wie vor ein beliebtes Brennmaterial. Im Inneren sind die Häuser gemütlicher, ein Ofen spendet Wärme, man schläft am Boden auf dünnen Schlafmatten, die unter Tags weggeräumt werden und die Wände zieren Stoffbahnen mit DEM kirgisischen Muster schlechthin (in ganz Kirgistan gibts offensichtlich nur ein Muster). Und wer von euch besonders aufmerksam liest, wird sich jetzt denken, dass das so nicht stimmen kann. Wir sind ja jetzt in Tadschikistan. Aber ist schon richtig so, denn ein Großteil der Bewohner Karakuls und auch einiger anderer Dörfer und Städte am Pamirhandrücken sind ethnische Kirgisen. Nasir, unser Fahrer, übrigens auch ein Kirgise, hat sorgfältigst darauf geachtet uns, wo es nur ging, bei kirgisischen Familien unterzubringen.

Und ob ihrs glaubt oder nicht, die landschaftliche Farbpalette ist am nächsten Tag um einen weiteren Farbton reicher geworden: Grellweiß! Frisch gefallener Schnee blendete uns beinahe die ganze Tagesetappe, die uns über den höchsten Pass (der Ak-Baytal liegt auf 4655 m) des Highways führte. Das Deckweiß ist Ihm dann aber hinter dem Pass wieder ausgegangen, so dominierte auf der Strecke nach Murghab wieder eintöniges Wüstenbraun. Kein Wunder, die Straße führte uns hier durch eine der trockensten Landschaften der Erde.

Die Stadt Murghab ist, wie alle Ansiedlungen, die wir in dieser Hochgebirgswüste gesehen haben, Zeuge extremer menschlicher Hartnäckigkeit. Auf über 3600 Metern Höhe trotzen seine 7000 Einwohner sommerlicher Hitze und winterlicher Kälte, Regen hat hier Seltenheitswert. Die Geschichte Murghabs ist aber eine kurze: Die Siedlung entstand erst 1892 im Zuge des russisch – britischen Gezankes als militärischer Außenposten im Auftrag der russischen Krone. Heute dominiert die Drogen-Mafia das Gebiet. Murghab ist ein Knotenpunkt, hier mündet die neue chinesische Straße in den bestehenden Pamir Highway und durch seine Nähe zu Afghanistan entwickelte sich die Stadt zu einem bedeutenden Drogenumschlagplatz. Für uns war es überhaupt schwer vorstellbar, dass hier irgendjemand in mafiöse Geschäfte verwickelt sein sollte. Uns hatten ja schon die Kirgisen mit ihrer Herzlichkeit eingenommen und im Pamir sollte es nicht anders sein. Wir haben bisher kaum Länder erlebt, in denen man als Tourist so willkommen geheißen wird. In Zentralasien gibt es eine sehr ausgeprägte Tradition der Gastfreundschaft, die in Europa ihresgleichen sucht. Und uns erschien sie ausgeprägter, je ärmer die Leute waren. Die Leute schienen trotz aller Entbehrungen auch ziemlich zufrieden zu sein. Zusammen mit dem romantischen Charme der trostlos anmutenden Dörfer macht das auf uns Touristen natürlich mächtig Eindruck. Die dörfliche Romantik verfliegt aber schnell, wenn man sich den blanken Hintern über braun duftenden Hocktoiletten abfriert, wenn einen Hüften und Kreuz von den Nächten auf spartanischen Schlafmatten plagen, wenn es kein fließendes Wasser gibt, dafür aber zum unzähligen Male öliges Plov mit drei runzeligen Scheibchen Karotten. Versteht mich nicht falsch, genau DAS ist ein Grund, warum wir reisen. Wie soll man sonst ein Land kennenlernen, die Kultur, die Menschen, ihr Leben, wenn nicht so? Aber verwöhnt sind wir Westlichen im Grunde eben doch, wir wissen, es geht anders und dieses Wissen macht auch kleine Unbequemlichkeiten manchmal zu großen. Es gibt aber auch Momente, die einen lehren dankbar zu sein.

Bisher sind sowohl Christian als auch ich noch nach jeder längeren Reise staunend vor der österreichischen Wasserleitung gestanden: Welch ein Wunder! Unbegrenzt fließendes, klares Wasser aus der Leitung und man kann es trinken, warm oder kalt, ganz wie es einem beliebt! Und im Supermarkt gibts an einem Fleck alles, einfach ALLES, was das menschliche Herz begehrt.

Vor ein paar Tagen bin ich beim Lesen der Online-Tageszeitung über ein Rezept gestolpert: Ceviche mit Tamarillo und Berbere. Ich hab zwar nicht gelacht, aber lauthals gelächelt in Anbetracht dessen, dass ich erstens inzwischen offensichtlich mehr Russisch verstehe als Deutsch-Rezeptüberschriftisch und zweitens momentan schon happy bin über Gurken-Tomaten-Salat ohne Glutamat. Grinsen werde ich in Zukunft auch zum ersten Mal, wenn mich die alpenländische Polizei aufhält, so fair und korrekt, wie die sind!

Christian und ich finden es immer wieder erschreckend, wie schnell man Dinge als selbstverständlich wahrnimmt, wir fühlen uns nach jeder Reise zumindest kurzfristig wieder ein bisschen neu geerdet. Aber noch waren wir nicht zu Hause und schätzten uns glücklich diese Länder noch so touristisch unberührt, wenn auch nicht mehr ganz jungfräulich, erleben zu dürfen. Ich vermute, dass sich in den nächsten Jahren mit zunehmendem Tourismus viel ändern wird, irgendwann gibts dann reduzierte Gastfreundschaft zu höheren Preisen und touristenfreundliche Wasserklosetts in der Wüste. Und so schwer uns der Gedanken im Magen liegt, aber auch Christian und ich leisteten einen Beitrag zu dieser Entwicklung. Ist es wirklich sinnvoll, dass ich manchen Kindern bunte Sticker schenke? Natürlich mache ich ihnen damit eine Freude, aber andernorts ärgerte ich mich wieder, wenn kleine konditionierte Monster mich hartnäckig um Mitbringsel anbetteln und an mir herumzupfen. Ist es vertretbar, dass wegen mir verfrorenem Weichei nicht nur Kuhfladen von vermutlich 2 ganzen Tagen, sondern auch die letzten Reste brennbaren Gebüsches verbrannt werden? Gewissen dürfte man keines haben, dann lebte es sich leichter. Ich möchte aber zur Abwechslung optimistisch bleiben, die Chancen stehen schließlich nicht so schlecht, dass sich der aufkeimende Tourismus für beide Seiten, Touristen und Landesleute, nachhaltig entwickelt. Schließlich kurbeln wir die Wirtschaft jenseits des florierenden Drogenhandels an und bringen den Kindern schöne neue Stifte für die Schule mit! So nun bin ich aber am Ende mit dem Moralisieren, ich höre kollektives Aufatmen 🙂

Zurück zum Schauplatz Highway, der übrigens nicht die Kriterien eines Highways im klassischen Sinn erfüllt. Bei uns würde er maximal als Güterweg mit starkem Renovierungsbedarf durchgehen. Fasziniert (und alle moralischen Bedenken erfolgreich verdrängend) wuselten wir also in der pamirischen Hochgebirgswüste herum. Ein weiteres Dorf aus weißgetünchten, blaufenstrigen Lehmquadern wurde unsicher gemacht. In Bulunkul solls im Winter -60 Grad Celsius kalt werden, zentralasiatischer Kälterekord. Und kaum regnen. Dafür war die Landschaft um das Dorf aber unerwarteterweise ziemlich matschig: Übelriechende Salzsümpfe ziehen unauffällig lauernd ihre Bahnen um das Dorf und verschlingen unbarmherzig jeden Wanderer, der frohgemut versucht die Gegend unsicher zu machen. Der alsbald perplexe Tourist kämpft sich dann – tapfer nach Luft (schließlich befindet er sich auf über 3700 m) und Frischluft schnappend – weiter vor, in der Hoffnung die Wanderung würde doch noch eine glückliche Wende nehmen. Und wird jäh enttäuscht. Mit runzeligen, kalten Füßen kehrt der geschlagene Wanderer ins Dorf zu seiner Herberge zurück, vakuumiert die gärenden Socken aufgrund Wäschewasch-Wassermangels in eines seiner zahlreichen Plastiksackerl und verleibt sich zum Trost eine wohlschmeckende Plov-Substitution ein: Glutamat-Kartoffel-Nudeln. Die Kurzexpeditionen des darauffolgenden Tages zu einem alten Grabmal (Zeugen der frühen Besiedlung des Pamirs) und ein paar weiteren salzigen und unsalzigen Azurblau-Seen verliefen indes unauffällig. Nach und nach mischten sich in die Landschaft wieder vermehrt Grünzeugs und schüchtern auch kleine Gewässer, die Straße führte wieder mehr bergauf und bergab anstatt stur geradeaus. Erste Zeichen, dass wir uns Pamirs FInger näherten…

Meine Bilder für dein Zuhause!

2 thoughts on “Pamirs Handrücken

  1. Hurra, endlich habe ich die Zeit gefunden um den Beitrag in Ruhe zu studieren, und es hat sich ausgezahlt. Toll erzählt und ganz wunderbare Bilder, die Farben schauen ja aus wie aus der Zuckerlwerbung…! 🙂

    • biemann-photography

      Na hallihallo…. gut Ding braucht Weile.
      Freut uns ungemein, dass sich das Blog-Zeitmanagement und Lese-Durchhaltevermögen ausgezahlt hat 🙂
      Die Farben, die Landschaft…. wirklich wunderschön, eigentlich werden dem meine Bilder gar nicht gerecht.
      Grüße und bis bald bei einem Bier!

      p.s.: der zweite Teil des Pamirs lässt nicht mehr lange auf sich warten, kannst dir für die nächsten Tage schon ein Blog-Zeitfenster einplanen 🙂


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