NEULAND - Über das Wissen und Unwissen über die Grundlagen der Automechanik

// What would Stefan do?

Nach dem Temperatur-Malheur in Kazarman zeichnete sich bereits ab, dass unser Stinki nicht ganz fit war. Die erbarmungslosen Rüttelpisten, die staubige Zugluft, die zehrende OP an der zentralen Schweißdrüse – irgendetwas hatte er nicht gut verkraftet. Lecke Kanister, fehlende Schrauben, verdreckte Vergaser – damit wissen wir umzugehen. Nicht aber mit einer sich gegen alle Logik verhaltenden Temperaturanzeige. Diese in Kombination mit unserem speziellen Autodesign haben uns in letzter Zeit oft nahe zur Verzweiflung gebracht: In unserem Fall liegen ja Motor und Wasserpumpe eng aneinander gekuschelt hinten im Heck unter einem großen Deckel. Deshalb sieht man Christian auf den Fotos auch immer im Kofferraum herumfummeln. Er holt sich nicht, wie viele von euch vielleicht vermuten würden, Kekse aus unserem Keksvorrat, nein, er werkelt im Motorraum. Ich habe zu Beginn außerdem angedeutet, dass wir ein bisschen over-equipped sind. Eine Motorraum-Öffnung zieht unweigerlich ein Sackerl-Rucksack-Boxen-Tetris sowohl vor als auch nach sich und gestaltet sich demnach recht aufwendig und langwierig.

Im Kontrollraum von Stinki möchte man natürlich den Überblick über die hochkomplexen Vorgänge im Motorraum behalten, damit man zumindest das subjektive Gefühl hat, alles im Griff zu haben. So hat beispielsweise das Thermometer seinen Fühler in der Kühlwasserflüssigkeit stecken und sendet sein Wissen um die Temperatur zum großen Meister der Anzeige, dem Kombiinstrument im Fahrerraum. Das Tolle am Kombiinstrument ist, dass sogar ich es lesen kann. Ich weiß, dass es nicht gut ist, wenn ein Lämpchen rot aufleuchtet, blinkt oder irgendwelche Zeiger sich in roten Bereichen bewegen. Das Kombiinstrument ist außerdem praktisch, weil wir, zumindest in der Theorie, die Abdeckung des Motorraumes Abdeckung sein lassen können, zumindest solange nix rot blinkt oder leuchtet.

So viel sei aber verraten: Österreich hätte inzwischen gute Chancen auf die Goldmedaille bei der Sackerl-Rucksack-Boxen-Tetris-WM.

Unser Aufenthalt in dem dörflichen Städtchen Kazarman diente vorwiegend der Fehlersuche und gestaltete sich weniger entspannt. Wir konnten mit unserer Logik einfach keine passende Erklärung für die unartige Temperaturnadel finden. Was wir in so einem Fall machen: Herumtüfteln und Leute anrufen. Dank Internetzeitalter kann man inzwischen sogar aus kleinen kirgisischen Kaffs relativ verlässlich und zu jeder Uhrzeit immer und immer wieder gutmütige Menschen mit unseren Problemen belasten. Primär melden wir uns bei Stefan, dem Großen Meister von Stinki und unser Mentor. Stefan hat uns nämlich ein Subaru-Komplettpaket verkauft: Bus und Know-How inklusive Zugang zur 24-h Sorgen-Hotline. Wenn der zu Beginn gewusst hätte, wie oft wir seinen guten Rat beanspruchen würden… Aber auch Christian läuft zu neuer Höchstform auf, er stellt sich geschickt an bei den Tüfteleien. Ich konstruiere improvisierte Hebebühnen. Trage Werkzeug zu. Koche Essen. Außerdem heitere ich Christians Schrauber-Alltag unter dem Subaru auf, indem ich versehentlich hupe oder ihm regelmäßig Kekse in den Mund schiebe. Und wenn Christian unter dem Bus mit seinem Latein am Ende ist, komme ich ins Spiel. Meine Feinmotorik ist unterentwickelt, ich bin eher eine Schlächterin, weshalb ich mich bei den sensibleren Tätigkeiten meistens zurückhalte. Für widerspenstige Probleme habe ich aber immer eine passende Lösung parat. Zusammen haben wir in Kazarman also unser Bestes gegeben und tagelang geschraubt, gefeilt und das Multimeter aufs Äußerste strapaziert. Und um ganz sicher zu gehen, haben wir unser Karma auch noch ein bisschen aufpoliert und einem geplagten Grazer Motorradfahrer unseren 19 mm-Inbus aus unserem unentbehrlichen Werkzeugkoffer geschenkt. Der hatte sein Bike nämlich auch in einer hiesigen Werkstatt ‘reparieren‘ lassen ‘ und tat nun gut daran sein Vorderrad regelmäßig aufzupumpen und neu festzuziehen.

Ein bisschen Bauchweh hatten wir schon, als wir nach Installation mehrerer Notbehelfe Kazarman in Richtung Osh verließen. 250 km quälende Ungewissheit. Aber wie schon die Wochen zuvor haben wir uns auf unser Deppenglück verlassen. Ich habe mich, seit ich Stinki persönlich kennenlernen durfte, regelmäßig herausgeschält aus der Sicherheit meines pessimistischen Realismus um mich in den warmen Kokon grenzenloser Naivität einzuspinnen. Auch Christians durchschlagender Pragmatismus wurde für die grausame Overlander-Realität zunehmend undurchlässig. Zugegeben, keine nachhaltige Strategie, aber durchaus geeignet, um kurzfristig Hoffnung zu schaffen. Vielleicht haben uns aber schlicht und einfach Stinkis Abgase benebelt.

Schon am zweiten Anstieg, etwa 5 Kilometer nach Kazarman, wurden wir aber wieder jäh enttäuscht. Temperatur: zu hoch. Langsam packte mich der Krawuzi. Hatten wir ihm nicht schön getan? Bestes, frisches Kühlwasser, Metallkleber made in Germany, sanfte Waschbehandlungen mit der weichen (!) Seite des Küchenschwämmchens, glänzende Schrauben, verzinkte Muttern, eine geladene Batterie, was wollte er mehr?! Undankbarer Kübel, du verreckter du, nicht mal mein Hermann (zur Erklärung: Hermann, mein Alltagsauto in Ö, Bj 05, keine Servo-Lenkung, keine Elektronik, keine Spampanazln, ein Bild eines Peugeot, das sag ich euch und der fängt mit seinen 60 PS nicht zu husten an, wenn 3 Leute drin sitzen!), nicht einmal mein Hermann bekommt so viel Aufmerksamkeit und uneingeschränkte Zuwendung! Und der fährt, das sag ich euch! Ich kann gut auf bayerisch schimpfen und tu das auch gerne.

So sind wir wieder zurück gefahren nach Kazarman und haben uns an den Straßenrand geparkt. Sackerl-Rucksack-Boxen-Tetris. Erneute Öffnung der zentralen Schweißdrüse. Vielleicht hatten wir – so extrem unwahrscheinlich uns das natürlich erschien – doch etwas falsch gemacht bei unserer Wasserpumpenbastlerei? Grüngelbes Kühlwasserblut spritzte auf den heißen Asphalt, schaulustige Kinder hüpften um uns herum und klauten uns in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit (Jausenpause) alle 4 Ventilkäppchen unserer Reifen („Geh schleicht di, des gibts ja ned! Rotzbipm die grauslichen, I sag das, wann i de dawisch, dann gibts a Wetter!“). Als letzten Akt der Verzweiflung haben wir dann das Schaufelrades der Wasserpumpe neu adjustiert. Nach einer weiteren Runde Sackerl-Rucksack-Boxen-Tetris starteten wir unseren Dritten Versuch Kazarman zu verlassen.

Und ja, ihr, die loyalen Realisten unter euch, ihr ahntet es bereits: Einen Schreikrampf bekam ich geschätzte 20 Kilometer nach Kazarman. Temperatur erst hoch. Dann: Temperatur weg. Sackerl-Rucksack-Boxen-Tetris. Der Kontakt zum Thermometer war abgebrochen. Himmelarschundzwirn , ABGEBROCHEN! „Kruzifix, jetzt werd i aber narrisch!“. So viel geflucht wie in den letzten Tagen hatte ich selten, mein Karma löste sich schneller auf als Mentos in Cola. Und langsam wurde auch Christian unrund. Das Thermometer ist nämlich auch modellspezifisch. Mit großer Wahrscheinlichkeit nicht erhältlich in ganz Kirgistan. Ratlos blickte Christian in den finsteren Abgrund des Motorraumes. Seine mit Staub panierten Haare wiegten drahtig im Takt des Windes. Ich versuchte mich derweil in Pilates-Bauchatmung. Einatmen. Ausatmen. Ich schob Christian zur Seite. „Lass mich machen.“ Die Klinge des Bear Grylls Messers funkelte scharf in der Sonne, der Wahnsinn meiner Augen spiegelten sich darin (Das Lied ‚Man With A Harmonica‘ (Spiel mir das Lied vom Tod) schwillt wieder an). Ich habe als Kind zwei Dinge gelernt: Erstens: MacGyver kann alles. Zweitens: Ich könnte allein schon wegen meiner Mähne als seine Tochter durchgehen. Außerdem hatten wir klarerweise keinen Handyempfang, also konnte ich nur erahnen, was Stefan in unserer Situation gemacht hätte. Schlussendlich waren die Zutaten für die MacGyver Reparatur: Messer, Hammer und ein Stück Schlauch. Problem gelöst. Und an alle Skeptiker: In einer Gegend, wo Ruthenisches Salzkraut Purzelbäume schlägt, muss man die Nachhaltigkeit einer Reparatur wirklich nicht in Frage stellen.

Anschwellendes Blöken. Gewohntes Getrampel. Feuerfarbene Staubwolken. Wir blinzelten der eitriggelben Sonne entgegen. Zwei Hirten, die ihr Vieh nach Hause trieben, kamen auf uns zugeritten. Sicher wollten sie ein bisschen plauschen, so wie alle. Ich packte vorsorglich die Kekse aus. Einer der Hirten kam souverän herangetrabt und stieg elegant vom Pferd. Ab dem Moment waren seine Bewegungen nur mehr ein wabbeliges Torkeln. Anstatt der angebotenen Kekse nahm der Hirte nach einem kurzen gelallten Smalltalk grob meinen Arm und versuchte mich unnachgiebig zu seinem Pferd zu ziehen. Seine Fahne wehte mir entgegen. Ein missglückter Brautklau, werdet ihr euch denken, schließlich passiert das in Kirgistan immer wieder mal. Ich kann euch aber beruhigen, erstens sind mir die meisten Kirgisen körperlich nicht sonderlich überlegen und zweitens hat er auch versucht Christian zu klauen. Nachdem sich auch Christians Leiblichkeit trotz all seiner Anstrengungen keinen Millimeter bewegt hat, hat er aber eingesehen, dass er sich auf ein hoffnungsloses Unterfangen eingelassen hatte und ist irgendwann allein zu seinem Pferd zurückgetorkelt um anschließend wieder in makelloser Manier von Dannen zu reiten.

Der Tag hatte es also wirklich in sich. Und als hätte Shakespeare höchstpersönlich den Ablauf dieses schönen tragisch-komischen Septembertages für uns verfasst, sprang der Bus nun auch nicht mehr an. Aus Respekt vor den nationalen Straßenordnungsgesetzen hatte Christian neuestens pflichtbewusst immer das Licht eingeschalten. Und in aller Aufregung vergessen es auszuschalten. Zugegeben, die Probleme mit Stinki begannen langsam unsere Teamharmonie zu belasten. Sicher hätte ICH nie vergessen das Licht auszumachen. Einatmen. Schnauben. Augenrollen hinter geschlossenen Lidern. Wir hatten aber Glück im Unglück – ein Auto kam kurze Zeit später vorbei und gab uns Starthilfe. Denkste, Shakespeare, so schnell kriegst du uns nicht klein!

Zwar ist nach einer Weile die Temperatur und somit auch unser Unmut wieder gestiegen, aber zum Umdrehen wars inzwischen sowieso schon zu spät.

„Geh, woaßt wos, scheiß o, iatzt foahma einfach, bleda kanns eh fast nimma werden.“ Und so sind wir frei nach Omas Motto „Scheiß da nix, dann feit da nix!“ weitergefahren. Und wie durch ein Wunder ist die Temperaturnadel kurz unter der kritischen Markierung stehen geblieben.

Wir haben daraufhin einstimmig beschlossen, dass das Thermometer einen Vogel hat und wurden gelassener. Unser neuer Schlachtplan wirkte regelrecht befreiend. Wieviel Aufmerksamkeit man der bezaubernden Umgebung schenken kann, wenn man sich einer hysterischen Temperaturnadel entsagt! Auf steinigen Lehmpisten pflügten wir uns durch bunte Plastilinberge. Unvorstellbare Kräfte haben Schichten aus rotem, gelbem, orangenem und braunem Gestein zerknetet und zu einem Meer aus marmorierten Riesen aufgetürmt. Auf dieser trockenen Marmorkuchen-Landschaft lag eine weitere der unzähligen kirgisischen Passstraßen wie die Schlingen eines hingeworfenen Seiles. Bänder bunter Trockenrasenblumen säumten die Straße. Wir flitzten um die engen Kurven, Chukarhühner stoben davon. Das blutrote Restlicht der untergehenden Sonne beleuchtete das Jagdgewehr, das man Christian kurzerhand in die Hand gedrückt hatte. Ein LKW hatte auf der Passstraße auf gut 3000 Metern Höhe seinen Geist aufgegeben, sodass der Fahrer feststeckte. Er bat uns um eine Essensspende und nach der Übergabe von Dosenfisch und Brot war er der Meinung, dass Christian ein Gewehr gut stünde und ich das unbedingt auf Foto festhalten müsste.

Mit fortschreitender Finsternis entfernten wir uns von der Kuchenlandschaft und tauchten ein in die Schattenwelt knorriger Bäume. Stinkis Sehvermögen in der Finsternis lässt zu wünschen übrig, seine Augen sind nicht die besten. So konnten wir nur schemenhaft erkennen, durch welchen Märchenwald wir uns bewegten: Zigtausend Hektar Wildobst-Wald. Hier wächst neben wilden Äpfel-, Birnen- und Zwetschkenbäumen auch ein (einzigartiger) Walnuss-Urwald. Man vermutet, dass sowohl die Walnuss als auch einige Obstsorten ihren Ursprung in Zentralasien haben. Dass wir diese Landschaft im Dunkeln durchgebraust sind, konnte ich verschmerzen, schließlich hat unser Reiseführer darauf hingewiesen, dass die Wälder stark übernutzt und teilweise verschmutzt sind. Ohne Tageslicht blieb uns somit der gewohnte Anblick von Plastiksackerln, verrosteten Konservendosen und zerbrochenen Vodkaflaschen erspart, nur die schemenhaften Gestalten der Baumriesen winkten uns in der Finsternis zu.

Am nächsten Tag fanden wir uns nach Sonnenaufgang in der Zivilisation wieder. Einen sanften Einstieg in die belebte Welt boten uns die zahlreichen Tierherden, welche die Hauptstraße nach Osh verstopften. Wir erreichten kurz darauf Level zwei (Polizeikontrolle, erfreulicherweise harmlos) und Level drei der zivilisierten Welt (Stadtverkehr). Wir durchquerten die kirgisischen Städte Dschalalabad und Ösgön und erreichten – töröööö – endlich Osch! Ein bisschen etwas hatte ich euch ja schon über Osch erzählt: Zweitgrößte Stadt Kirgistans, ca. ¼ Mio Einwohner, die Bevölkerung ein konfliktträchtiges Gemisch überwiegend aus ethnischen Kirgisen und Usbeken und unser Sprungbrett zum Pamir Highway! Laut den Kirgisen im Norden sollte die Stadt hier so anders sein als alle Städte im Norden Kirgistans. Können wir so zwar nicht bestätigen, einzig die Kopftücher erfreuen sich hier bei Frauen offensichtlich größerer Beliebtheit. Und vom hiesigen Automarkt könnten sich die Bishkeker wirklich ein Scheibchen abschneiden! So viel Disziplin hatten wir in ganz Kirgistan noch nicht gesehen: eine Containerstadt mit nummerierten Läden, nach Themen sortiert.

„Thermosensoren? Hier an Stand 13? HAHA, habt ihr euch verlaufen? Dazu müsst ihr schon ins Kleinteileviertel zwei Reihen weiter.“

„Thermosensoren, klar, hab ich, aber doch nicht für Subarus! Dazu müsst ihr drei Container weiter.“

„Thermosensor für welchen Subaru? Noch nie gehört. Hab ich nicht.“

Am Ende haben wir unser Thermometer-Provisorium im fahlen Innenhof-Licht unseres Hostels zur Dauerlösung aufgemotzt. Nun fehlten nur noch ein paar Feinschliffe: Die Startschwierigkeiten mussten beseitigt, der Auspuff geschweißt (Stinki röhrte inzwischen lauter als ein brunftiger Hirsch im Hochgebirge und schwarzer Rauch entwich seinem Endrohr) und ein neuer Benzinkanister besorgt werden. Kleinstes Übel würde wohl die Auspuffschweißerei werden, dachten wir uns und suchten – nach einem weiteren erfolgreichen Starthilfe-Start – am nächsten Morgen (einem Sonntag) eine Werkstatt auf, die offensichtlich das Vertrauen vieler ausländischer Overlander genoss. Dort sprach zwar keiner Englisch, aber unser hysterisches Lachen deuteten sie trotzdem richtig: Nach Demontage von Stinkis Darm (sprich dem Auspuff-Katalysator-Komplex) wussten wir auch, warum Stinki so gebrüllt hatte: Offenbar war irgendwann der Katalysator explodiert, im Gehäuse klaffte ein schwarz angekokeltes, kinderhandgroßes Loch. Die drei zuständigen Mechaniker standen grinsend davor, schüttelten das Gehäuse, traurige Reste zerborsenen Keramiks bröselten aus der Wunde.

„катализатор сломан.“ Katalysator sloman. Das verstanden wir auch ohne Übersetzung, der Kat war hin. Ich betrachtete mit funkelnden Augen die mattschwarzen Keramikteilchen, die nun in meiner Hand lagen. Sie sahen einfach bezaubernd aus und würden sich blendend als Ohrringe machen. Christian erinnerte mich an meine leichte Benzinphobie (Benzin ist einfach wirklich giftig!) und daran, was der Katalysator in seinen über 20 Jahren Dienstzeit wohl alles aufgefangen hatte. So war meine Schmuckdesigner-Karriere beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Sowohl Christian als auch die Mechaniker waren darüber hinaus einer Meinung, dass ein kaputter Katalysator keine Tragödie wäre. Ein bisschen mehr rausstauben würds halt aus dem Auspuff. Ich verzog das Gesicht, als Biologin konnte ich das eigentlich nicht verantworten. Aber, um ehrlich zu sein, relativiert sich der Gesundheits- und Umweltgedanke in einer Umgebung wie dieser schnell: Feucht-schillernde Pfützen dunklen Öls sprenkelten den mitgenommenen Hallenboden, vier Meter neben uns zischte die Spritzpistole des schutzmaskenlosen Lackierers, der Schweißer blickte konzentriert und direkt in das gleißende Licht und Terrence Hill (mein – wie sich im Laufe der langen Zeit in dieser Werkstatt herausstellen würde – blonder Lieblingsmechaniker mit eisblauen Augen) kratze sich mit schwarzen Öl-Benzin-Fingern regelmäßig im Gesicht. Unsere Lungen kratzen von den Lackdämpfen, die Augen brannten vom Zigarettenrauch. Gut, scheiß auf den Katalysator.

Schweißen mussten wir Stinkis Wunden trotzdem lassen, schließlich wollten wir die Polizei nicht jedes Mal schon 2 Kilometer vor unserer Ankunft auf uns aufmerksam machen. Die Stunden in der abgelegenen Werkstatt vergingen. Mittagspause. Stromausfall. Dann endlich, wieder Strom. Während der Schweißer seine Augen ruinierte, saßen Christian und ich vor dem dunklen Loch der Werkstatt im Staub. Die Sonne brannte auf unsere Köpfe, das dürre Gebüsch rings um uns, das als Pipi-Wald der Mechaniker diente, wogte sanft im Wind. Gebeugt über ein raschelndes Plastiksackerl, rupften wir mit fettigen Fingern saftiges Hühnerfleisch von den Knochen. Ein streunender Hund schlich in einiger Entfernung, sichtlich um Unaufmerksamkeit bemüht, an uns vorbei. Unsere gierigen Blicke streifen die seinen, das knurren unserer Mägen hielt ihn auf Distanz. Ich habe mich noch kaum mehr Höhlenmensch gefühlt als an diesem Tag, so reduziert auf die menschlichen Grundbedürfnisse. Vor der Kulisse dieses Industriegebäudes erinnerte mich das Ganze schwer an Waterworld. Nur halt ohne Wasser.

Am Ende dieses Tages schnurrte Stinki, wie er es wahrscheinlich zuletzt in den Anfängen seines Bus-Daseins getan hatte. Und zu Beginn des nächsten Tages aktivierte der Bus dann seine Friedenspfeife: Nicht nur schwarzer Rauch verließ den Auspuff, nein, abwechselnd kam nun auch bläulich-weißer Rauch heraus. Wollte sich der Bus nun endgültig ergeben? Die Wissenden unter euch werden nun die Hände über ihren Köpfen zusammenschlagen. Blauer Rauch bedeutet nämlich nichts Gutes, im schlimmsten Fall: Öl im Verbrennungsraum. Der Bus frisst also seine kühlende Gelenksflüssigkeit. Und Motorrheuma wollten wir am Pamir Highway wirklich nicht haben. Also auf zur nächsten Werkstatt.

Mohammed musste her. Mohammed ist ein Experte für Vergaser. Er repariert Lexus-Limousinen ebenso wie Daihatsu-Keksdosen. Wir reihten uns ein in die Schlange der maroden Autos und als wir an der Reihe waren, hat Mohammed geschraubt, geputzt, gestanzt, gedichtet und getüftelt. Seine Friedenspfeife wollte Stinki am Ende aber nach wie vor nicht beiseite legen, weshalb Mohammed das Problem nicht im Vergaser, sondern im Motor vermutete. Das Worst Case Szenario also.

Stefan hat sich gleich angeboten nach Kirgistan zu fliegen und bei der Reparatur zu helfen und unser geheimer Russland-Kontakt hat sich wieder ins Zeug geschmissen, ob und wann es welche Ersatzteile gäbe, aber Christian und ich haben dankbar abgewunken. Nach langen Diskussionen haben wir beschlossen, noch einmal die Werkstatt unseres Vertrauens mit Terrence Hill aufzusuchen und den Motor öffnen zu lassen. Aber inzwischen gestalteten sich bereits Kurzstrecken als Herausforderung: Mehrere Starthilfen waren nötig um Stinki in Gang zu setzen, wir mussten Öl nachfüllen, beim Fahren hustete er und Biss hatte er auch keinen mehr. Er kroch quasi am Zahnfleisch daher.

Bei Stinkis OP am offenen Herzen konnten wir eigentlich nichts tun. Wir saßen stundenlang auf einem speckigen Sofa, während die drei Mechaniker, die zwei Tage zuvor den Auspuff geflickt hatten, am Motor herumwerkelten. Von Zeit zu Zeit schlichen wir um den Subaru herum und warfen sorgenvolle Blicke in den Motorraum. Im Neben-OP lagen schon seit unserem ersten Besuch zwei geöffnete baugleiche Automatikgetriebe nebeneinander – Reparatur Kyrgyz Style: Puzzle bauen mit Vorlage. Die Entwicklungen der OP unseres Subarus möchte ich in Kürze zusammenfassen: Keiner kann sagen, was jetzt genau das Problem war. Die Zylinderkopfdichtung vielleicht? Oder die Kolbendichtringe? Diese metallenen Ringe, die mehr an Armreifen erinnern als an Dichtungen, sind ebenfalls modellspezifisch. In Kirgistan nicht aufzutreiben. Die Lösung der Mechaniker: Wir nehmen einfach irgendwelche und fräsen die Kolben einfach passend dazu. Nur um euch die Ernsthaftigkeit der Lage zu verdeutlichen: Die wollten sensible Teile des Motors, die auf hundertstel Millimeter genau passen müssen, einfach irgendwie passend drechseln. Gemessen haben sie die Abstände überwiegend mit ihren Augen und Fingern.

Lieber Shakespeare, kannst du dir abschminken, mit DEM Auto würden WIR sicher nicht mehr in den Pamir fahren und nach einer Panne einen grausamen Erfrierungstod erleiden! Diese Reparatur ala Kirgistan wurde uns zu bunt, zusätzlich hatten wir ja noch immer massive Startprobleme und womöglich doch auch ein Temperaturproblem. Wir haben uns aber dank unserem Unvermögen Abschied zu nehmen trotzdem dazu entschlossen, die Mechaniker machen zu lassen. Fräst nur, ihr Optimisten! Viel teurer würde der Zusammenbau laut mündlichem Kostenvoranschlag ohnehin nicht mehr werden. Aber offensichtlich eine Kamikaze Aktion. Aber wer kennt das nicht: Man glaubt, Barbie einen schönen Haarschnitt verpassen zu können und beginnt zu schneiden. Schnell erreicht man den Point Of No Return, gesteht sich aber selber nicht ein, dass man erstens einfach kein Barbiefriseur ist und zweitens bereits irreversiblen Schaden angerichtet hat. So endet das ganze Unterfangen immer unweigerlich damit, dass Barbie der Kopf fehlt. Und wer diese Erfahrung als Kind nicht mit Barbie gemacht hat, der kennt es von Aufmotzversuchen von anderem Lieblingsspielzeug.

Wie ihr euch vorstellen könnt, war unsere Laune diese Tage ziemlich am Boden.

Es ist schwierig einen Zeitpunkt festzulegen, an dem ein Unterfangen unrentabel wird. Speziell dann, wenn es einem ganz besonders am Herzen liegt.

Ökonomisch gesehen war nun der Augenblick gekommen, die Sinnhaftigkeit weiterer Reparaturen in Frage zu stellen. Wobei: Was, wenn nach dieser Reparatur alles klappt? Und was, wenn nicht? Was, wenn der Bus nach 50 Kilometern wieder eingeht? Am Pamir Highway? Viel belastender fanden wir aber den Gedanken an die Zeit, die wir nun schon in Reparaturen und Warten investiert hatten. Wir saßen unsere Zeit mehr unter dem Bus und in Werkstätten ab als in den Bergen und Hochebenen Kirgistans. Und die Aussicht auf weitere Komplikationen mit Stinki trübte inzwischen jeglichen Gedanken an den Pamir Highway. Um ehrlich zu sein: Wir haben begonnen Flüge zu recherchieren. Indien, Thailand, Indonesien, Neuseeland. Ein Mietauto für den Pamir Highway würde unser Budget sprengen, Hitchhiken kam für uns nicht in Frage, trotzig wollten wir uns deshalb von den zentralasiatischen Ländern abwenden.

Dann aber kamen Claire und Matt ins Spiel…

Meine Bilder für dein Zuhause!

2 thoughts on “Über das Wissen und Unwissen über die Grundlagen der Automechanik

  1. Hi, Vanessa. Hab gehört, dass du schon wieder unterwegs bist. Wünsch euch eine schöne Reise. Werde in nächster Zeit öfter eure Fotos durchsehen. Glg aus OÖ

    • Griasdi Wurmsi! So eine Überraschung, das freut mich, dass du auf unseren Blog gestoßen bist, ich hoffe, es ist was interessantes für dich dabei! 🙂
      Ganz liebe Grüße aus Kirgistan!!!