NEULAND - Seenidylle und Wellblechpistenterror

// Wer gerade aus fährt, muss betrunken sein (kirgisisches Sprichwort)

Ich sitze gerade auf unserem maroden Campingsessel unter dem Vordach eines Guesthouses in Kazarman. Die Nachmittagssonne brennt grellgelb vom eisblauen Himmel, die Grillen zirpen. Eine Fliege umsurrt unbarmherzig die traurigen Reste unseres einst mächtigen Keksvorrates. Das Lied ‚Man With A Harmonica‘ (Spiel mir das Lied vom Tod) würde die Situation passend untermalen, stattdessen singt der Muezzin. Christian liegt wieder unter dem Bus. Das kann nichts Gutes bedeuten, werdet ihr euch denken. Und ihr habt recht. Aber dazu später.

Gedenken wir den schönen Zeiten, solchen in denen der Bus wagemutig über kirgisische Straßen brauste! Kurz, aber intensiv waren dann unsere gemeinsamen Momente des Glücks. Da kann es schon mal passieren, dass man im Ortsgebiet 21 km/h zu schnell unterwegs ist. Und wenn man es dann am wenigsten erwartet, wird man daran erinnert, dass Stative nicht nur zum Fotografieren da sind. Auch Radarpistolen machen sich ganz hübsch auf einem Dreibein. Keine 24 Stunden waren wir mit unserem Stinki wieder auf der Straße gewesen, und dann verdirbt einem so ein dahergelaufenes Dreibein die Laune. Es gibt definitiv zu viel Exekutive hier. Der dazugehörende Polizist hat uns regelrecht angeschrien, wütend sei er, dann hat er wieder gegrinst und eine neue Strafsumme genannt, um dann wieder mit uns zu plärren. Ich war auch wütend und hab geschrien, aber nicht in Richtung des Polizisten, versteht sich. Langsam ging mir hier die Geduld aus. Christian sah das, wie immer, gelassener. Dank seiner Verhandlungskünste haben wir am Ende nur 10 % der ursprünglich horrenden Summe bezahlt.

Eine Herde wilde Kamele, die später unverhofft und schaukelnd die Hauptstraße querten, besänftigten unser Gemüt ungemein. Auch Christian war ganz entzückt. Kamele! Die paar hundert Som Strafe waren wieder vergessen.

Ganz eiwendig hopsten wir mit unseren Kameras bewaffnet in einiger Entfernung um das ockerfarbene Getier herum.

Und so stiegen wir etwas später befriedigt und versöhnt mit großer Fotobeute in unseren Stinki – wir fühlten uns wieder unbesiegbar!

Bis hinter der nächsten Kurve wieder ein orangefarbenes Stöckchen wedelte. Fuchtel fuchtel. Leider nicht zu übersehen, die Steig-aufs-Gas-Taktik hier wenig Erfolg versprechend. Kurz dachten wir noch, wir seien unbestrafbar, weil komplett unschuldig. Denkste! Licht am Tag ist auch in Kirgistan Pflicht. Fast scheint es, als gäbe es polizeiintern eine fiese Abmachung: Man wird nämlich nie für mehrere Vergehen auf einmal bestraft. Stattdessen heben die Beamten immer etwas für die Kollegen auf, die bereit hinter der nächsten Kurve stehen. Meine Antwort auf diese hinterhältigen Schicksalsschläge: Resignation. Ich bin nicht mehr mit ausgestiegen, habe den Polizisten nur böse aus dem Fenster angefunkelt und Christian seinem Schicksal überlassen. Christians Antwort war wohl die bessere: Eine angebotene Marlboro-Tschick hat den Polizisten all unsere Übeltaten augenblicklich vergessen lassen, die Verhandlungen um die Strafsumme wurden sofort für beendet erklärt und wir durften ungestraft weiterfahren. Ich war baff. Christian auch. So viel Gefühls-Auf-und-Ab zehrt aber an den Nerven, wir sind inzwischen leicht paranoid. Jedes geparkte Auto am Straßenrand scheint nun aus weiter Ferne ein Polizeiwagen zu sein. Ich bin sogar so weit eingeschüchtert, dass ich mich in Ballungsräumen nicht mehr hinters Steuer setze. Eine einzige Ausnahme hab ich für Mario gemacht, den ich vor gut einer Woche im Zentrum von Kotchkor abgeholt habe. Ihr erinnert euch, Cristians Bruder, unser Besuch.

Für ihn haben wir ein paar Leckerlis der kirgisischen Sehenswürdigkeiten aufgespart, unter anderem die beiden Seen Song-Kul (Songköl) und Kol Suu (Kölsuu). Ersterer ist neben dem Issyk Kul wohl der bekannteste kirgisische See, ein Reiseführer betitelte ihn als ‚Perle Zentralasiens‘. Unvermeidlich entwickelt man bei solchen Lobeshymnen hohe Erwartungen. Der zweite See, Kol Suu, ist weit weniger bekannt, er liegt unweit der chinesischen Grenze, weshalb man für dessen Besuch eine Genehmigung beantragen muss. Vielleicht ist das, zusammen mit der schwierigeren Erreichbarkeit, ein Grund, weshalb der See touristisch kaum erschlossen ist.

Bevor wir uns zu dritt zur ‚Perle Zentralasiens‘, dem Song Kul, aufmachten, haben wir unsere Vorräte aufgestockt und getankt, was die Zapfsäule hergab. Die Hauptstraße, an der Kotchkor liegt, ist sehr gut ausgebaut, da sie in Richtung Süden nach China führt. Das bringt mich auf ein Themenfeld, vor dem ich euch nun lang genug verschont habe: Geografie und Wirtschaftskunde! Kirgistan ist nämlich wie Österreich ein Binnenstaat. Sprich: kein Zugang zum Meer, auch wenn sie den Issyk Kol gerne als solches verkaufen. Die 6 Millionen Kirgisen leben auf einer Fläche knapp 2,5-mal so groß wie Österreich, über 90 % der Landesfläche sind gebirgig. Das muss man sich mal vorstellen, da wird selbst der stolzeste österreichische Bergfex neidisch! Das mächtige Tian Shan Gebirge kennt ihr ja schon (ich erinnere an meine unfreiwillige Darmreinigung, während sich Christian zum Alaköl See schwang). Das zweite große Gebirge ist der Pamir, der zum Himalaya zählt. So viel Höhenluft heißt aber nicht, dass den Kirgisen immer kalt ist, im Süden werden auch mal sommerliche 45 °C gemessen. Unter 1500 m Höhe ist der Großteil Kirgistans nämlich Steppe. Heißt: Heiß und trocken. Ich war zu Beginn ja fast ein bisschen enttäuscht, hatte ich mir Kirgistan doch um einiges grüner vorgestellt. Ich frage mich auch regelmäßig, wie manche hier mit ihrer Landwirtschaft inmitten der dürren Landschaft überleben können. Die Kirgisen wissen sich aber scheinbar zu helfen und machen das Land urbar, indem sie diverse Flüsse zur Bewässerung nutzen. Dazu stauen sie auch mal größere Flüsse auf, was wiederum den Usbeken nicht schmeckt, da diese am unteren Ende der Leitung sitzen. Die Usbeken wiederum wollen dann ihr Gas nicht mehr mit den Kirgisen teilen. Überhaupt haben es die Kirgisen nicht leicht, zwicken sie als vergleichbar kleines Land zwischen den Riesen Kasachstan (13 mal größer), China (50 mal größer) und Usbekistan (ca. doppelt so groß). Einzig der Nachbar Tadschikistan ist kleiner. Während sich Kasachen und Kirgisen einigermaßen lieb haben – sie sind sich nämlich in vielen Dingen ähnlich – ist das Verhältnis zu Russland und China schwieriger. Bevor Kirgistan 1991 seine Unabhängigkeit erklärte, wurde es über 100 Jahre lang von russischer Seite regiert. Und auch heute ist Kirgistan stark von Russland abhängig, so arbeitet weit über 1/2 Million Kirgisen in Russland, ihr Beitrag zum BIP: über 25 %! Also lieber lieb sein zu Russland. Aber auch zu China. Mit denen ist bekanntlich auch nicht zu spaßen. Den Chinesen ist nämlich die uigurische Minderheit in Kirgistan ein Dorn im Auge – sie fürchten die separatistischen Ambitionen der eigenen Uiguren. Deren autonomes Gebiet grenzt nämlich an Kirgistan und ist mitunter ein Grund dafür, dass wir eine Genehmigung für den Besuch des Köl Suu Sees nahe der chinesischen Grenze beantragen mussten. Und da wären wir wieder bei der super ausgebauten Straße nach China: Aus Süden rollen nämlich unzählige LKWs durch Kirgistan Richtung Zentralasien – Kirgistan bietet China einen wichtigen Zugang zum zentralasiatischen Markt. Und China läuft dem kirgisischen Esel mit einer Karotte voraus, indem es mit großen Investitionen lockt.

Irgendwie kommt mir Kirgistan wie ein Scheidungskind vor, das es Papa Russland und Mama China recht machen muss…

Zusätzlich ist das Kind Kirgistan u. a. dank Stalins willkürlicher Grenzziehung leicht schizophren (oder politisch korrekt: ein Vielvölkerstaat): Nur gut 60 % der kirgisischen Staatsangehörigen sind ethnische Kirgisen, der große Rest verteilt sich auf Usbeken (> 10 %), Russen (> 10 %), Dunganen (chinesische Muslime), die bereits erwähnten Uiguren, Ukrainer, Tadschiken, Tataren und Kasachen. Da schwirrt einem der Kopf vor lauter Namen, nicht wahr? Und alle sollen sich lieb haben. Klappt natürlich nicht immer. Während die ethnischen Kirgisen (ursprünglich Nomaden) hauptsächlich im Norden und Osten des Landes zu finden sind, leben die ethnischen Usbeken (traditionell Handwerker und Landwirte) vorwiegend im Süden Kirgistans. Besonders um Osch, die zweitgrößte Stadt des Landes, spielten und spielen sich Konflikte zwischen den dort ansässigen Kirgisen und Usbeken ab. Thema sind hauptsächlich Wasser- und Bodenrechte, in den Jahren 1990 und 2010 waren aufgrund der Konflikte jeweils mehrere hunderte Tote zu beklagen. 2010 sind daraufhin über 100.000 ethnische Usbeken nach Usbekistan ausgewandert. Unterricht beendet, ihr könnt aufatmen.

Wir kehren wieder zu leichter verdaulichen Themen zurück: Vergorene Stutenmilch, Kumys genannt. Bevor wir aber in den Genuss dieser Manneskraft-fördernden Delikatesse kamen, mussten wir uns erst zum Song Kul hinaufarbeiten. Schon auf der Hauptstraße zeigte uns der Subaru erstmals deutlich seine Grenzen auf: Mario und sein Gepäck brachten unseren Stinki wohl an seine Leistungsgrenzen. Mehr als 70 km/h waren auf gerader Strecke nun einfach nicht mehr möglich, da half auch energisches Durchtreten des Gaspedals nichts mehr. Besorgtes Stirnrunzeln auf allen drei Gesichtern. Es folgten mehrere Stunden im Schneckentempo in Schlangenlinien auf Schotterpisten. Besser gesagt Wellblechpisten gespickt mit Schlaglöchern. Die Zeit im Bus vertrieben wir uns mit der Diskussion, wie diese diabolischen Strukturen wohl entstanden mögen sein wollen. Wir mussten gegen das Geklapper und Gequietsche des Busses anschreien:

Waren es Windverwirbelungen, die die Rillen ausfrästen? Die vielen Herden Pferde? Oder gab es gar ein spezielles Straßenabschab-Gerät, das Rumpelstilzchen höchstpersönlich bediente?

Wir kamen auf keinen grünen Zweig, waren uns aber einig, dass uns die Wellenstrukturen der Schotterstraßen in den Wahnsinn trieben. Für den Stinki konnte das Gerüttle auch nicht gesund sein. Immer wenn uns ein fetter Geländewagen oder ein gebrechlicher Lada mit dreifacher Geschwindigkeit überholte, wurden unsere Seufzer lauter. Keiner hat es ausgesprochen, aber wir dachten alle dasselbe: Wir saßen in einer Keksdose.

Unsere ständige Begleitmusik im Kontrollraum des Subaru

Irgendwie haben wir es irgendwann dann aber doch auf die Hochebene geschafft, in der der Song Kul See auf gut 3000 m Seehöhe liegt. Dank Boris Jelzins Vorliebe für Alkohol gibts auch eine mehr oder weniger intakte Ringstraße um den ca. 30 km langen See. Der gute Boris wollte nämlich der Legende nach unbedingt in einer Jurte Vodka trinken. So hat man dem Boris Mitte der 90er Jahre kurzerhand eine Straße gebaut. Danke Boris, schließlich haben wir auch noch was davon. Aber bitte denkt jetzt nicht falsch – asphaltiert ist da gar nichts. Nur ein bisschen befestigt. Und gestaubt hats, draußen wie drinnen – Stinkis Türdichtungen sind eher pro forma. War uns aber egal, weil wir hier das Kirgistan vorfanden, das man sich allgemein so unter Kirgistan vorstellt: weite einsame Grassteppen an die sich am Horizont sanft Berge anschmiegten, vereinzelte weiße Jurten-Tupfer und viele braune Tier-Tupfer. Besonders die Pferde machten kaum Anstalten sich von Jelzins Piste zu bewegen, wenn wir uns näherten. Verwegen sahen sie aus, wie sie da standen, mit verfilzten Mähnen im Wind, ihre neugierigen Blicke auf uns gerichtet. Im Gegensatz zu den coolen Pferde-Gangs machten die Schafe da immer einen viel tollpatschigeren Eindruck auf uns, rannten die in Panik blökend immer kreuz und quer durch die Steppe, sobald sie uns sichteten. Sie schienen von den Touristen bisher offensichtlich weniger verwöhnt worden zu sein als die Kinder am Song Kul. Diese kamen, wenn sie uns sahen, auf Eseln herbeigeritten um auf Englisch um Schokolade zu fragen: „Tschoklit?“. Liebe Mama, hättest du mich zu Schulzeiten mit Schokolade gefüttert, hätte die ganze Englisch-Vokabel-Lernerei sicher auch mehr Sinn für mich gemacht. Ich folgte aber der Strategie meiner Mutter und habe die Schokolade lieber für uns selber aufgehoben. Die Kinder bekamen stattdessen Sticker, woraufhin wir wiederum auf Tee und Kumys eingeladen wurden. Ich habe bisher vielleicht zu wenig betont, dass die Kirgisen unglaublich freundlich, hilfsbereit und einladend sind. Kumys. Ja, was soll ich sagen. Ich kannte es schon aus der Mongolei. Lauwarm wars gewesen, damals, serviert in einer spröden Cola-Flasche. Und ich bin wirklich nicht empfindlich, aber nach einem Schluck hatte ich dem Teufelszeug auf ewig abgeschworen. Christian hatte diese Erfahrung noch nicht gemacht, nur davon gelesen und war – im Gegensatz zu Mario – immun gegen meine eindringlichen Warnungen. Unbedingt wollte er Kumys probieren, eine Reise nach Kirgistan sei sonst keine wirkliche Reise nach Kirgistan, wenn man das nicht probiert hätte, meinte er. „Ich halte dir im Nachhinein nicht die Haare“, dachte ich insgeheim.

Erster Akt. Erste Szene. Die drei Austrian Overlander steigen in die erste traditionelle kirgisische Jurte, ausgestattet mit Ofen (betrieben mit getrocknetem Kuhdung und vielleicht etwas Kohle), niedrigem Tischchen, vor das wir uns auf speckigen Sitz- (=Schlaf-)Matten hockten, einer kleinen Kommode mit abgeblättertem Lack, getrockneten Rinderblasen (gefüllt mit Butter) und einem großen blauen Plastikfass. In Letzterem die fermentierte Stutenmilch, Kumys genannt. Christian bekommt ein Schälchen angeboten, kleine graue Bröckchen schwimmen neben gärenden Bläschen auf der weißen Oberfläche. Christians Augen leuchten, ich kralle mich an mein Teeschälchen, Mario lässt sich nichts anmerken, wirkt aber mit seinem Tee recht zufrieden. Scheinbar habe ich aber zu wenig deutlich abgewunken, als mir Kumys angeboten wurde, weil plötzlich auch ein Schälchen fermentierter Milch vor mir steht. Bedrohlich blubbert es, aber meine Familie hat mich wohl erzogen, ich esse alles, was auf meinem Tellerchen liegt. Und ich überwinde mein Trauma, ich bin überrascht, schmeckt gar nicht so übel. „Sag ich doch“, meint Christian. Vielleicht haben mich meine selbstgebrauten Kefire und Kombuchas geeicht. Nun beginne auch ich Mario zu bearbeiten: „Probier doch mal, gewöhnungsbedürftig, aber sonst bist du quasi nicht in Kirgistan gewesen.“ Aber Mario will nicht. Abschied erste Jurte, Abgang der drei Musketiere.

Erster Akt. Zweite Szene. Nach der Übergabe mehrerer ansprechender Sticker an kleine Hirtenkinder folgt die Einladung in die zweite traditionelle Jurte. Selbe Einrichtung nur mit Radio. Dieselben Fragen: Woher kommt ihr, seid ihr verheiratet (auch Mario entkam trotz offensichtlichen Fehlens einer weiblichen Begleitung dieser Frage nicht), wie alt seid ihr, habt ihr Kinder und so weiter und so fort und wieder müssen Christian und ich bei Verneinung der letzten Frage in das bestürzte Gesicht eines alten Nomaden-Opas blicken. Schnell rechnet er vor, wie viele Kinder er hat. Eine Hand reicht dafür nicht aus. Und damit wir uns im Klaren sind, dass unsere biologische Uhr laut tickt, rechnet er gleich nach, wie viele Kinder er in unserem Alter schon hatte. Nach dieser Offenbarung gibts für ihn kein Halten mehr. Er dirigiert seine Enkelin im Volksschulalter in der Jurte herum, da muss Kumys her!

„Kumys fördert die Manneskraft!“

meint er, macht eindeutige Handbewegungen und akzeptiert ab sofort kein Nein mehr. Nun muss auch Mario dran glauben, uns wird Schälchen um Schälchen Kumys gereicht. Mein Trauma ist wiederhergestellt. Mario scheint auch wenig begeistert. Leicht angeheitert (wie Kefir hat Kumys einen geringen Alkoholgehalt), wenn auch wenig heiter, verlassen wir später die Jurte. Abgang der drei Musketiere. Ende erster Akt. Zweiten Akt gabs anschließend keinen, unsere Verdauung hat uns die Kumys-Orgie Gott sei Dank verziehen.

Stattdessen hatten wir mit Problemen anderer Natur zu kämpfen, die wir aber ziemlich gelassen nahmen. Insgeheim habe ich mich sogar darüber gefreut. In Richtung Nordwesten wird das Ufer des Song Kul nämlich etwas hügeliger. Uns erinnerte es ein bisschen an Schottland, mit der Brandung des Sees und den zeternden Möwen. Erstmals haben wir Stinki auf seine Offroad-Eigenschaften getestet mit dem Ergebnis, dass wir mit Vollbeladung nicht mehr jede Steigung schafften. Nicht im 2. Gang. Und auch nicht im 1. Gang. Nicht mal mit zugeschaltetem Allrad und auch nicht, wenn 2 der 3 Musketiere aussteigen. Ich hör euch schon kichern, jaja lacht ihr nur mit euren 80, 90, 100 PS! Ja, wir mussten schieben, was in dieser Höhe doppelt anstrengend war. Aber wir haben das kirgisische Schottland bezwungen, mit Schrägen, dass wir uns fast ins Höschen machten (noch wissen wir nicht so genau, wie viel Schräglage unser schmaler Stinki verträgt) und teuflischen Verschränkungen (die gibt es nämlich nicht nur in der Astrophysik). Zur Belohnung haben wir einen außerordentlich feinen Zeltplatz am See gefunden. Christian und ich haben es uns im Bus gemütlich gemacht, während Mario sein Zelt inmitten von Edelweißen aufstellte. Dieses Blümlein scheint zu dieser Jahreszeit eine der letzten genießbaren Pflanzen für die Nutztiere zu sein, denn alle anderen wirkten ziemlich verdorrt. Und es gibt davon so viele, dass man sich vor dem Schlafen gehen die Edelweiß-Leichen von den Flip-Flops kratzen muss.

Am Abend haben wir inmitten der Idylle am Edelweiß-Bergsee ein bisschen Kumuz (Gitarre) gespielt und Mario ein paar Schauergeschichten vom kirgisischen Wolf erzählt. Während Christian und ich später selig in unserem Bus schlummerten, hat Mario Besuch von einem Hund bekommen. Der dürfte zwar nur ein bisschen rumgeschnüffelt haben, aber Mario guckte am nächsten Morgen etwas verzwickt aus der Wäsche. Die Schatten von Hund und Wolf dürften sich an der Zeltwand ziemlich ähneln… Und als wäre das nicht genug, hat sich am Morgen dann auch noch eine Herde Kühe für uns interessiert. Die Klauentiere staksten um unser Zelt, schnüffelten herum und Elfriede, die blöde Kuh, hat sich sogar kurzerhand das Sackerl mit unserem Brotvorrat geschnappt und ist davon getrabt. Da ich aber mit dem Essen nicht allzu großzügig kalkuliert hatte und ich ohnehin schnell starke Ängste vorm Verhungern entwickle, habe ich Elfriedes Beute zurückerobert und es gab zu Mittag Tomaten-Gurken-Salat mit vor-eingespeicheltem Brot.

Nach zwei Tagen haben wir die Song-Kul’sche Hochebene über eine abenteuerliche Serpentinen-Straße wieder verlassen. Und ich habe das Paradoxon der Wellblech-Straßen entdeckt: Je schneller man auf der rilligen Fahrbahn fährt, desto geschmeidiger wird die Fahrt. Christian und Mario sind auch stiller geworden, je mehr ich aufs Gas trat. Vielleicht wurde es für nette Konversation auch einfach zu laut in der Keksdose. Aber wir waren in Rekordgeschwindigkeit in Naryn, dem Basispunkt für unser nächstes kleines Abenteuer, dem Kel Suu See nahe der chinesischen Grenze.

Ich hatte im Internet ja allerhand Schauergeschichten darüber gelesen: Die Anfahrt sei abenteuerlich, reißende Bäche, tiefe Furten, kaputte Straßen und schwer zu finden. Um unser Stinki zu schonen, habe ich einen Fahrer samt Fahrzeug organisiert. Das kratzt zwar ziemlich am Ego eines jeden Overlanders – Fahrzeug mieten, obwohl man eins dabei hat – aber wir mussten uns die Grenzen unseres Busses eingestehen. Als wir am frühen Morgen von einem Audi Quattro abgeholt wurden, staunten wir nicht schlecht. Wir hatten mindestens einen höhergelegten Toyota Landcruiser erwartet. Stattdessen stand da ein Wagen, der ein Jahr älter war als unser Stinki und mit seinen über 600.000 km wahrscheinlich mehr als 10-mal so viele Kilometer am Buckel hatte. Wir ahnten, dass die angsteinflößenden Erfahrungsberichte aus dem Internet von Offroad-Nackerpatzln stammen mussten. Trotz allem, wir waren verliebt in Marasats Auto. Vor 17 Jahren aus der Schweiz importiert, bewährt es sich seither unter der liebevollen Pflege seines Herrchens auf Kirgistans Straßen. Zugegeben, mit den elektrischen Fensterhebern und den dichten Dichtungen kann unser Subaru nicht annähernd mithalten. Auch nicht mit dem Differential. Oder dem Sammelsurium an Anzeigen am Kombiinstrument. Der 80 Liter Tank! Sogar das edle Holzfurnier und die Plastik-Fußschälchen (skurril in Anbetracht der Staubpisten, die wir fuhren) harmonierten mit der Musik, die Marasats USB-Stick zum besten gab: Modern Talking wechselte mit Backstreet Boys, Queen und Eiffel 65. Draußen am Fenster zogen zeitgleich fad wiederkäuende Kühe, trockene Steppenlandschaften mit quiekenden Murmeltieren und schwerbewaffnete Check-Point Beamte (ich erinnere an die Genehmigung, die wir zum Besuch dieses Gebietes brauchten) vorbei.

Unwillig schälten wir uns im Ziel, einem Camp über 3000 m, aus dem Audi. Dort bezogen wir eine Touristenjurte, deren einziges originales Inventar ein mit getrockneten Kuhfladen gefüllter Ofen war. Der Rest (4 Betten und 2 Teppiche auf dem Steppenboden) war an die Bedürfnisse der Touristen angepasst. Ich sollte hier aber noch ein bisschen Aufklärungsarbeit leisten: Wenn ich hier in Kirgistan das Wort ‚touristisch‘ verwende, deutet es schlichtweg darauf hin, dass wir pro Tag mehr als einem weiteren Reisenden begegnen. Muss man sich eine Sehenswürdigkeit mit mehr als 10 anderen Touris teilen, ist es für kirgisische Verhältnisse schon rappelvoll. Und hier waren wir weit weg von rappelvoll.

Wie die Kumys-Verkostung ist auch ein Horse-Ride in Kirgistan obligat. Diesen Absolvierten wir nun auf dem Weg zum Köl-Suu. Vier Pferde wurden gesattelt, ein Guide begleitete uns. Man darf sich das aber nicht so vorstellen, wie das in Österreich vonstattengehen würde, mit Einschulung und exaktem Einstellen der Sättel und Steigbügel. Die Kirgisen deuten wortlos auf ein Pferd, schubsen dich drauf und überlassen einem dann dem Schicksal. Ich hatte kein Problem damit, ich saß nicht das erste Mal auf einem Gaul. Außerdem passten die Proportionen des Pferdes zu meiner Körpergröße. Christian und Mario hatten, der Himmel weiß warum, kleinere Pferde und viel zu kurze Steigbügel bekommen. Ihre Knie streifen fast an ihren Ellenbogen. Ich war die erste Viertelstunde mit Lachen beschäftigt, bis ich mich an den Anblick gewohnt hatte. Der Ausritt war ein voller Erfolg, wir galoppierten durch die kirgisische Berglandschaft und reißende Bäche. Man musste nur aufpassen nicht in eines der zahlreichen Murmeltierlöcher zu reiten – so sehr, wie sie die Böden durchtunneln, sollte man sie eigentlich ‚Wurmeltiere‘ nennen. [Kleines Detail am Rande: Auch in Kirgistan schwört man auf die heilende Wirkung des Murmeltierfettes bei Gelenksproblemen. Wie in den Alpenländern kocht man dazu einfach das kurz vor dem Winterschlaf stehende und mit Almkräutern vollgefressene, kugelrunde, flauschige Erdhörnchen aus. Die konzentrierten Kräfte der gesamten Almkräuter findet man dann im Öl. Heißts.]

Ich genoss jedenfalls die Gelassenheit der Kirgisen, in Österreich wäre es undenkbar bei einem solchen Ausritt aus der Reihe zu Tanzen, hier durfte ich mich austoben, meine eingerosteten Reitkenntnisse liefen bald wieder wie geschmiert. Auch Christians Pferd machte seinem Namen (Dschingis Khan) alle Ehre und war kaum zu bremsen. Hatte ich zu Beginn des Tages davon geträumt den Subaru gegen einen Audi zu tauschen, träumte ich jetzt davon Stinki gegen ein Pferd zu wechseln. Mit 700 – 1000 Dollar pro Pferd ist man dabei.

Eine kurze Überschlagsrechnung ergibt also einen simplen Tausch von Subaru mit Pferd. Oder ein Subaru gegen 2 lahme Pferde.

So eins, wie Mario hatte – es trabte maximal stressfrei ein paar Meter hinterher. Aber es sei ihm verziehen, es wurde uns gesagt, dass die Pferde hier auf rund 3500 m bei Überanstrengung Gefahr laufen würden einem Herzinfarkt zu erliegen. Also vielleicht doch kein geeignetes Fortbewegungsmittel für den Pamir Highway.

So wunderbar die Reiterei auch war, sie wurde von dem Anblick des Sees mit seiner spektakulären Kulisse in den Schatten gestellt. Der See glitzerte blau in der Nachmittagssonne, zu beider Seiten ragten steile Felswände über 800 m empor. Er wirkte, so eingekesselt, zugleich bedrohlich und geheimnisvoll. Vom Ufer aus überblickte man nur etwa ein Drittel des s-förmigen Sees, der Rest verbarg sich in einiger Entfernung hinter der ersten Kurve. Im Gegensatz zum Song-Kul kann man den Köl-Suu nicht einfach umfahren, geschweige denn umwandern. Wir drei standen staunend davor und blickten neugierig in die Felsschlucht. Was sich wohl hinter der ersten Kurve verbarg? Wir wollten es wissen und beschlossen den See am nächsten Tag per motorisiertem Schlauchboot zu erkunden. In dieser Nacht träumten wir, benebelt von den Kuhfladendämpfen aus dem Ofen in unserer Jurte, von Hochseehaien und Piratenhöhlen, Wasserfällen und Köl-Suu’schen Bermuda-Dreiecken. Und so falsch sollten wir damit nicht liegen…

Am nächsten Tag haben wir ordentlich gefrühstückt (ein kurzer Auszug eines kirgisischen Touristenfrühstücks: Pancakes, dazu stehen am Tisch: Zucker, Honig, Kandiszucker, Marmelade, Butter, kandierte Früchte, karamellisierte Nüsse und diverse Zuckerl). Als Hochrisiko-Diabetes-Kandidaten sind wir dann per Pedes erneut zum See gestartet. Erst dabei fiel uns auf, dass der See einen unterirdischen Abfluss hatte. Die Felsschlucht dürfte einst eine banale langweilige Felsschlucht gewesen sein, bis eines Tages am Ausgang der Schlucht ein Berg entzweibrach. Wir malten uns ein großes Erdbeben aus und eine infernale Gerölllawine, die den Taleingang versperrte. Der Schlund füllte sich mit Wasser und voila, da war er, der Köl-Suu, in all seiner Pracht. Irgendwo unter dem Geröll bahnt sich das Wasser seinen Weg und kracht tosend aus einem Felsspalt unterhalb des Sees. Gewaltig, wirklich. In ein paar Jahren werden hier Touris Schlange stehen, sind wir uns sicher. Nichtsdestotrotz gibts hier scheinbar schon zwei Boot-Agenturen und bei täglich nur rund 0-10 Touris glaubt man, sie würden um einen buhlen. Glaubt man. Am Vortag hatten wir noch ein günstigeres Angebot bekommen, heute fühlte sich nicht nur keiner mehr für uns zuständig, nein, man sprach plötzlich auch kein Englisch mehr. Sowas hat die Welt noch nicht gesehen: drei zahlungswillige Touristen, auf 3500 m von zwei Hochseekapitäns im Stich gelassen, gestrandet im Tian Shan. Das schreit nach Meuterei! Wir packten resigniert unsere Jause aus.

Eine englischsprechende Kirgisin ist dann auf uns zu gekommen und hat gemeint, dass die günstigere der beiden Agenturen (mit der wir fahren wollten) am Vortag Probleme gehabt hätte, Motorausfall, Wasser im Boot, was auch immer und deshalb vielleicht zögere uns mitzunehmen. Klang vernünftig. Und somit nicht wirklich kirgisisch. Das dürfte dann aber eh nicht der Grund gewesen sein, denn sobald das Boot der ersten (teuren, hochwertigen) Agentur abgelegt hatte, kam der nervös wirkende Kapitän der Billigagentur auf uns zu und meinte, wir könnten dann gleich ablegen. Er blickte in drei verwirrte Gesichter. Aye aye Kapitän! Am Ende quetschten wir zu fünft in einem kleinen aber hochwertig anmutenden Schlauchboot, denn der Kapitän hatte auch seine kleine Schwester mit an Bord genommen. Wir vermuteten, das Kind sollte uns beruhigen. Alles sicher. Wir haben den Köder gefressen, weil auch jeder eine Schwimmweste bekam. Außer das Kind natürlich, gab nur vier Stück davon und in Größe XXL, hätten ihr sowieso nicht gepasst. Die Gipfel der umliegenden Berge zogen unsere Blicke aber schnell aus der Problemzone Boot. Der Motor schnurrte wie eine zufriedene Katze und wir schwebten vorbei an karstigen Felsformationen und geheimnisvollen Höhleneingängen. Ein Gletscher züngelte in einer Seitenschlucht herab zum See, auf manchen Graten türmten sich dicke Schneedecken. Inmitten des Wassers ragte ein Felsen wie ein bedrohlicher Stoßzahn aus dem Wasser, das türkisblaue, undurchsichtige Wasser schwappte wie Zahnfleisch drumherum. Diese surrealistische Umgebung ließ unserer Fantasie allerhand tiefseefischähnliche Hochseekreaturen entspringen. Wir scheuten nun fast mehr von einem Hochgebirgshai verspeist zu werden als den möglichen Erfrierungstod nach einem Kentern. Aber wie gesagt, der Motor schnurrte. Erneut deutete ich aber eindeutige Vorzeichen falsch, der Rotstich in meinen Haaren macht mich scheinbar nicht automatisch zu einer guten Hexe… Ehrfürchtig hatten wir nämlich die dutzenden Adler beobachtet, die langsam über uns kreisend ihre Bahnen zogen.

Eine dermaßen intakte Adlerwelt hatten wir bisher noch kaum wo gesehen. Hätten wir zu dem Zeitpunkt bereits gewusst, dass es sich bei dem Federvieh um Geier handelte, wir hätten das sukzessiv zunehmende Spucken des Motors wahrscheinlich früher bemerkt.

Aber um den Spannungsbogen für die zart Besaiteten zu entschärfen: Wir haben die Bootsfahrt schlussendlich überlebt. Als das Ufer in Sichtweite war, ist uns das Benzin ausgegangen. Kein Leck, kein Kentern, kein Gefressenwerden von Hochseelaternenfischen. Besonders ich und Christian nahmen es mit Humor (wir haben wohl zu viel ‚Fluch der Karibik‘ geguckt), während der Kapitän und Mario uns Richtung Land ruderten. Pflichtbewusst habe ich aber auch die Kamera beiseitegelegt und mich altruistisch dem Mädchen angenommen, das – zugegeben – ziemlich unbeeindruckt schien. Aber es heißt ja immer „Frauen und Kinder zuerst“ und ich traute meiner XXL Rettungsweste zu für uns beide zu reichen. Wir genossen die restliche motorfreie Fahrt und entstiegen dem Boot nach der Landung entspannt und fröhlich wie nach einem geglückten Sonntagsausflug. Die Agentur habe ich bisher allen weiteren Reisenden vorbehaltlos weiterempfohlen.

Beim Zurückwandern zum Jurten-Camp ließen wir uns Zeit und schauten dem Wolkenspiel über dem Hochgebirge zu. In der Ferne blitzte und donnerte es, der Himmel verdunkelte sich und wurde wieder heller. Ein Gebirgsfluss sang seine atemlose Wassermusik und Reiter trieben ihre Herden zurück zu den Jurten. Schon am Song-Kul konnten wir beobachten, wie sie ihre Schafe, Ziegen und Kühe in Umzäunungen trieben, die nachts von pflichtbewussten Hirtenhunden bewacht wurden. Und als letztes Highlight des Tages sahen wir sogar ein paar Yaks. Wie ihr vielleicht bemerkt habt, wäre der Tag fast kitschig perfekt gewesen. Gott sei Dank hat uns dann aber noch ein angesoffener zahnloser Kirgise ordentlich angseidlt, denn so viel alter Bergfilm-Kitsch wäre sonst fast unerträglich gewesen.

Zurück in Naryn hieß es dann Abschied nehmen von Mario. Die zweite Woche in Kirgistan würde er am Issyk-Kul verbringen, den wir aufgrund unseres dortigen Zwangsaufenthaltes schon zur Genüge kannten. Christian und ich sattelten unser sandfarbenes Blechpferd und machten uns auf den über 400 km langen Weg Richtung Osch, der zweitgrößten Stadt Kirgistans. Osch liegt im Süden des Landes und sollte uns als Ausgangspunkt für den Pamir Highway dienen. Eine ungewohnte Leichtigkeit (da einen Mario mit Gepäck weniger) führte uns auf unausstehlichen Wellblechpisten durch eine zauberhafte Landschaft mit sanften Hügeln aus buntem Gestein und reifen Weizenfeldern. Wir schraubten uns über Serpentinen und staubige Straßen Pässe hinauf und hinunter und guckten regelmäßig und zufrieden auf die Temperaturanzeige unseres Busses. Bei einer Yak-Wurst-Salat-Pause besprachen wir dann das Unumgängliche: Schon seit ein paar Tagen riss es uns und alle näheren Fußgänger, wenn der Stinki regelmäßig seinem Unmut freien Lauf ließ und ohrenbetäubend schoss. Sein Vergaser wollte geputzt werden. Windel wechseln für Autos quasi, der asiatische Benzin und die Staubpisten machen sich eben bemerkbar. Am Abend parkten wir im Schutze eines scheinbar verlassenen Hofes, irgendwann kamen dann aber doch ein paar Reiter vorbei. Wir erkauften uns ihr Wohlwollen mit Zigaretten und Keksen, damit konnte Christian am Abend in Ruhe und unter den Blicken beunruhigt glotzender Kühe die heikle Putzerei am Vergaser erfolgreich meistern. So konnten wir am nächsten Tag unsere Fahrt schussfrei fortsetzen. Und trotzdem, fast schon bereuten wir es von den Annehmlichkeiten von Marasats Audi Quattro gekostet zu haben, die Wellblechpisten erschienen uns mit jedem Kilometer unerträglicher. Auch Stinki hat offensichtlich unter den maroden Straßenverhältnissen gelitten, da sie schlussendlich ihre Spuren hinterlassen haben, wie wir bald bemerken sollten.

Die folgenden Geschehnisse sind, davon bin ich überzeugt, auf mein schlechtes Karma zurückzuführen, das ich angesammelt hatte, weil ich den Yak-Wurst-Salat nicht mit zwei betrunkenen Kirgisen hatte teilen wollen. Alles begann am Tag nach der Vergaser-Putzerei. Stinki quiekte mehr als sonst. Er brummte auch mehr als sonst. Dieses Mal half aber alles neu Zurren von Schaufel, Kanister und Co nichts, denn die Rüttelei hatte Schrauben rausgedreht. Den Schrauben vom Fahrerraum konnten wir bis heute keinem passenden Loch zuordnen. Einen anderen, vom ‚Außenkäfig‘ des Busses hatten wir irgendwo verloren, deshalb das Gequieke. Es blieb zu hoffen, dass uns das Gestell nicht samt Kanister runterrutschte. Aber halb so wild. Das neue Brummen von Stinki hätte jeden österreichischen Moped-Frischling stolz gemacht. Der ‚Spruch‘ kam nämlich vom Auspuff und ließ auf mehr als nur ein kleines Loch schließen. Kollateralschäden, nichts Wildes, also so weit so gut. Dann Stille im Kontrollraum.

Wir hatten es schon den ganzen Tag gesehen, aber gekonnt ignoriert: Die Temperaturanzeige bewegte sich in ungewohnt hohen Bereichen.

Die neuen Rekordwerte seit Einbau der neuen Wasserpumpendichtung erforderten nun aber Aufmerksamkeit und ein sofortiges Abstellen des Fahrzeuges. Zerknirscht stiegen wir aus. In dem Moment bemerkten wir sogar für Stinki einen ungewohnt starken Benzin-Geruch. Wachsende Schlieren an der Windschutzscheibe mahnten der nächsten Katastrophe, nach Tschernobyl kam nun Exxon Valdez. Einer unserer Benzinkanister hatte während der Rumpelfahrten Leck geschlagen. Während wir noch überlegten, was wohl die beste Lösung für die Umwelt wäre (Bodenversickerung oder Anzünden), kam uns ein fetter SUV zu Hilfe, den wir volltankten (unser Tank war leider voll gewesen). Den Rest nahmen die wilden Tschechen in einer 5-Liter Wasserflasche mit. Während wir die akute Umweltkatastrophe abgewendet hatten, stand uns die größte Herausforderung bevor: Stinki hatte Fieber und wir wussten nicht warum. Gern hätte ich ihm eine Überdosis Breitbandantibiotikum aus unserem privaten Vorrat in den Tank geschmissen und wäre mit brennenden Wachholderzweigen weihräuchernd um ihn getanzt, aber Christian setzte Stinki stattdessen nochmals in Gang und wir fuhren ein paar Kilometer zurück nach Kazarman. In dieser staubigen 10.000-Einwohner Stadt im Nirgendwo wollten wir Stinki stationär behandeln. Stinkis Fieber sollte sich aber zu einer kleinen Odyssee auswachsen, worüber ihr voraussichtlich bald in einem weiteren Artikel lesen könnt. Dieser ist in Arbeit und wird sich speziell an Vergaser-Katalysator-Kabelbaum-Liebhaber wenden.

Meine Bilder für dein Zuhause!

6 thoughts on “Seenidylle und Wellblechpistenterror

  1. Sehr schön festgehalten, vollgepackt mit Anekdoten, so mag ich das. Auch fotografisch gabs dieses mal echt etwas zu sehen, ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag!

    • biemann-photography

      Hallo Flo!
      So, endlich komme ich dazu auf deinen Kommentar zu antworten! 🙂
      Freut uns sehr, deine lobenden Worte!
      Vanessa haut eh schon wieder in die Tasten, es kommt bald wieder ordentlich Nachschub!

  2. Toller Blog, wieder mal super geschrieben und bei den Fotos sind auch so einige Schmankerl dabei! Da fühle ich mich gleich wieder zurückversetzt am Boden einer Yurte sitzend und Kumys nippend 😀

    ps: es war ein Wolf, wenn nicht sogar ein Rudel davon! 😁

    • biemann-photography

      Servus Mario!!!
      Danke dir, es gab ja ein paar super Erlebnisse und eine tolle Zeit. Mit deiner Vor-Ort-Unterstützung kann dann nur ein cooler Blog entstehen 🙂
      Bis bald, bin eh schon auf deine ausführlichen Erzählungen aus deiner 2. Woche gespannt!
      LG, Vanessa & Chrisi

  3. Hallo ihr zwei , wenn ich das letzte Foto so betrachte könnt ich meinen — zwei Einheimische :-DD

    Ich lese die Einträge immer voller Neugier und finde sie so amüsant ,manchmal tragisch komisch und dann wieder voll interessant.
    Mit den supertollen Fotos echt genial.
    Freu mich halt soo, wenn ich von euch höre !!

    • Huch, jetzt kommen wir endlich mal zum Antworten, im letzten Monat sind wir wahrscheinlich mehr herum gefahren als die beiden Monate davor 🙂 Genug Futter für weitere Blogeinträge ist also garantiert 😉 Wir freuen uns jedenfalls außerordentlich, wenn das Lesen des Blogs Freude bereitet, damit zahlt sich der Aufwand aus!
      Und bald kannst du mich (uns) ja wieder in die Arme schließen, lange haben wir ja nicht mehr…
      Es grüßt dein Töchterlein und Christian


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