NEULAND - Backpacking, baby!

// Wie wir den Subaru zwischenzeitlich gegen eine Marschrutka tauschten

So, da sind wir wieder. Ich, Vanessa, liege gerade hinten im Bus, rechts von mir ramscht Christian in seinem Kameraequipment herum, von links dringt sanftes Wellenrauschen vom Issyk Kul ans Ohr. So viel sei verraten, der Stinki läuft wieder!

Falls ich kurz in Erinnerung rufen darf, was in der letzten Episode geschah: Wir cruisten gerade so durch Kirgistan, alles war Sonnenschein, Regenbogen und Einhörner (ok, bleiben wir realistisch: Pferde), dann plötzlich der Totalausfall, Auto kaputt, die Besatzung gestrandet in Bokonbaevo am Issyk Kul. Inzwischen haben wir einiges erlebt, sodass die Probleme mit dem Stinki zwischenzeitlich sogar ziemlich vergessen waren…

Unseren Kontakt in Russland habe ich im letzten Beitrag zwar schon erwähnt, möchte aber hier noch eine kurze Lobeshymne an Alexandr anstimmen: Er hat es wahrhaftig geschafft ein Ersatzteil zu organisieren. Und das ziemlich selbstlos, denn er hat uns seine eineinhalb Tage Recherche nicht in Rechnung gestellt. Der Himmel weiß warum, auf jeden Fall hat er sein Karma damit ordentlich aufpoliert. Danke Alexandr!

Nun verhält es sich aber so, dass man Autoteile nach wie vor nicht einfach von Nahodka an den rechten Ort beamen kann. Nein, dazu muss man immer noch DPD beauftragen. Und gut Ding braucht eben Weile. So haben wir beschlossen die Wartezeit aufs Christkind als Backpacker zu verbringen. Auf nach Karakol zum Wandern! Die Hinfahrt in der Marschrutka, einem öffentlichen Minibus, war kostengünstig (keine 2€ für ca. 150 km) – bei einem Verbrauch von 8-10 L/ 100 km ist unser Stinki hier definitiv nicht konkurrenzfähig. Außerdem war die Fahrt erstaunlich angenehm. So stellt es einem nicht gleich alle Nackenhaare auf, sobald man ein bedrohliches Klappergeräusch im Bus hört. Ist ja nicht der Eigene. Und auch die erhöhten g-Kräfte aufgrund wilden Fahrstils führen nicht gleich zu großen Beziehungskrisen, denn der Fahrer ist ja nicht der eigene Partner.

Außerdem haben schon viel zu viele Fahrgäste vor uns die Fahrt überlebt, als dass man ernsthaft um sein Leben fürchten müsste.

Und (ich wiederhole mich): Sind ja nicht die eigenen Stoßdämpfer, die Todesqualen erleiden. Gut, das Gerangel der Taxifahrer, das Herumirren am Busbahnhof, das ewige Warten auf die richtige Marschrutka, die Preisverhandlungen, Pipigestank, Kekse-schnorrende Mitfahrer, in Einmachgläser kotzende Kinder, … das alles lassen wir mal beiseite. War eine schöne Fahrt. Nur Foto-Stopps machen die Marschrutka-Fahrer halt keine, aber irgendeinen Vorteil muss man unserem Stinki ja auch zugestehen.

Von Karakol aus haben wir uns dann zu einer 3-Tages-Wanderung aufgemacht. Karakol ist die viertgrößte Stadt des Landes und liegt am Tien Shan, dem ‚Himmelsgebirge‘. Hier befinden sich einige der weltweit längsten Gletscher außerhalb der Polarregionen, knapp 60 km misst beispielsweise der Inyltschek! Man kann sich kaum vorstellen, dass geschätzte 400 km weiter südlich, auf Seiten Chinas, einer der trockensten Orte der Erde zu finden ist, die Wüste Taklamakan. Auch der höchste Berg Kirgistans, der Pik Pobeda (7439 m) liegt nur unweit von Karakol. So ambitioniert waren wir dann aber doch nicht. Unser Plan war am ersten Tag in ein Tal bis zum Karakol Base Camp hineinzuwandern, am zweiten Tag zum Alaköl-See (auf 3500 m ) aufzusteigen, den Alaköl-Pass (3860 m) zu überschreiten um dann am dritten Tag aus dem Paralleltal herauszuwandern. Schöner Plan, aber Pläne sind dazu da um nicht zu funktionieren. So sind wir an Tag 1 unter leichtem Nieselregen zum Base Camp gewandert. Ein wunderschönes Tal hat sich gleich hinter den ersten Wegbiegungen aufgetan, ein Anblick genau so, wie man sich Kirgistan vorstellt.

Weidende Pferde auf sanft grünen Wiesen, ein mäandernder, türkisblauer Fluss, links und rechts davon hoch aufragende Berge.

Und wir haben den perfekten Stellplatz für unser Zelt gefunden, perfekt, sag ich euch. Erste Risse bekam diese trügerische Idylle, als wir einen dem Menschen weniger geläufigen Blickwinkel einnahmen: Wir blickten nach oben. Und sahen, dass der hübsche Berg in Richtung unseres Zeltplatzes mehr eine überhängende Steilwand war. Das brachte uns vorerst nicht aus der Ruhe, hatten doch – unserer bewährten Logik zufolge – sicher schon viele Wanderer vor uns eine Nächtigung hier überlebt. Nachdem wir dann ein anderes Pärchen, das in einiger Entfernung zu unserem perfekten Zeltplatz vorbeispazierte, beobachteten, wie sie skeptisch erst auf unser Zelt, dann auf die Steilwand, dann wieder auf unser Zelt blickten, haben wir uns doch aus der Ruhe bringen lassen. Erst bin ich die nähere Umgebung abgegangen und habe alle Steine umgedreht (ich erhoffte mir dadurch Einblick in die unmittelbaren Steinschlag-Vorgänge auf dieser Wiese), schlussendlich haben wir unser Zelt dann umgeparkt. Im Prinzip war der neue Stellplatz auch nur subjektiv sicherer, aber wer kennt nicht diesen kurzen Moment vor dem Einschlafen, den man nicht so gerne mit Gedanken um gequetschte Organe und Schädel-Hirn-Trauma verbringt… Es gab dann aber noch andere Vorzeichen, die ich hätte richtig deuten sollen. Keine überfahrenen Tauben, keine herabstürzenden Adler, nein, diese Zeichen kann ich inzwischen richtig deuten. Es waren eher subtile Vorkommnisse: Christians Stirnlampe gab ihren Geist auf, Kabelbruch. Ich hatte anstatt der Fett-Gesichtscreme meine Haarkur mitgenommen (unsere Gesichtsbehaarung jubelte). Und ich habe vom vergifteten Apfel gegessen: In das frische, kalte, klare Bergwasser, das romantisch von einer kleinen Felswand stürzte, hatte sich wohl ordentlich Kuhkacke gemischt. Jedenfalls verbrachte ich Tag 2 unserer schönen Wanderung mit Darmreinigung von beiden Seiten (Hildegard von Bingen wäre stolz gewesen auf einen so sauberen Verdauungstrakt). Oberhalb des Baches, fern unseres Blickes, dürfte sich wohl eine Syrte befunden haben, eine jener Hochgebirgsebenen über 3000 m mit traditioneller Weidenutzung. Christian, der das vertrauenswürdige Wasser trotz meiner steten Mahnungen, er solle doch – vor allem in dieser Höhe! – mehr trinken, nicht angerührt hatte, ist folglich mit einem Tagesrucksack bei schönstem Wetter alleine zum Alaköl-See hinaufgewandert. Ich habe mir dann am Abend die Bilder auf seiner Kamera angesehen und war insgeheim vielleicht sogar ein klitzekleinbiiiisschen erleichtert gewesen vom Fäkal-Cocktail genascht zu haben. Der Aufstieg war nämlich gar nicht so Ohne gewesen, mit dem ganzen Gepäck (auf unseren noch zarten Overlander-Schultern), hätten wir uns den Pass sicher hart erkämpfen müssen. Tag 3 unseres Ausfluges verlief dann wieder einigermaßen nach Plan, nur dass wir dasselbe Tal wieder zurückwanderten, von dem wir gekommen waren. Das war übrigens ein Samstag. Zum Wochenende hin erhöht sich die Abundanz betrunkener Kirgisen beträchtlich. Leicht könnte man ihr Verhalten auch mit Schlaftrunkenheit verwechseln, rechnet man doch nicht damit, dass ein zu allen Seiten hin kippender Reiter auf seinem Pferd um 9 Uhr morgens noch den Rausch vom Vortag (?) ausschläft. Offensichtlich ein Guide, denn hinten drein ritt eine Touristin mit ihrem Sohn. Offensichtlich hatte das Pferd aber mindestens ebenso ordentliche Ortskenntnisse wie dessen betrunkener Reiter. Erst zollten wir dem Pferd großen Respekt, inzwischen wissen wir aber, dass es nicht das Einzige seiner Art ist. Vielleicht lässt man in Kirgistan aber auch einfach lieber das Auto stehen und schwingt sich zu Rosse, das lässt sich im betrunkenen Zustand offensichtlich besser manövrieren… Ich möchte hier aber keinen falschen Eindruck vermitteln: Zwar sind hier Begegnungen mit betrunkenen Menschen keine Seltenheit, was aber nicht bedeutet, dass dieser Zustand in Kirgistan gutgeheißen wird! Vielleicht handelt es sich bei der Vodka-Liebhaberei um einen Nachlass aus Sowjet-Zeiten, viele Kirgisen jedoch verurteilen (übermäßigen) Alkoholkonsum. Vor allem die gläubigen Muslime halten sich von Alkohol fern.

Während ich ab sofort unbeschriftete Haarmasken-Döschen zur Kategorie ‚schlechte Omen‘ zähle, deute ich das Lied ‚It’s my life‘ als durchaus positiv! Mehrmals schon ist es uns ans Ohr gedrungen, zwei Mal während eines Taxi-Jackpots in Karakol: So haben wir tatsächlich hintereinander 3 ehrliche und nette Taxifahrer erwischt. Wer von euch schon länger im außereuropäischen Ausland unterwegs war, weiß, wovon ich spreche: der Taxifahrer-Gilde. Sie gehören wie Autohändler und Versicherungsvertreter zu den wohl unangenehmsten Zeitgenossen, die unsere Zivilisation zu Tage gebracht hat. Unweigerlich muss man aber ihre Dienste in Anspruch nehmen, hilft alles nix. Dem Geruch unverhohlener Gier und potentieller Ausgefuchstheit der Taxler begegne ich als gestandene Backpackerin prophylaktisch mit maßlosem Misstrauen. Christian ist da ein bisschen gelassener. Unserer Taktik ‚Good Cop – Bad Cop‘ folgend, bin aber ich dann meist diejenige, die bei Nennung horrender Fahrpreise zeternd und ohne weiter zu Verhandeln das Weite sucht. Christian tut mir dann manchmal leid, aber lieber wandere ich abends durch dunkle Gassen zurück zum Hostel, bereit meinen prall gefüllten Baumwollbeutel allen Bösewichten schwungvoll um die Ohren zu schnalzen, als 100 statt 70 Som zu bezahlen. Und wer jetzt wirklich nachgerechnet hat und die Augenbrauen hochzieht:

Klar könnte ich laut aktuellem Wechselkurs die 1,25 € statt der 0,88€ bezahlen, aber da gehts nicht nur um 30% Aufschlag, sondern auch ums Prinzip.

Die Inflation im Tourismus-Sektor korreliert nämlich direkt mit der Bereitschaft der Touristen jeden genannten Preis zu bezahlen. Und ich möchte – selbstlos, wie ich bin – dass sich auch alle nachfolgenden Touristen Kirgistan noch leisten können. Außerdem hat Christian inzwischen eine viel bessere Taktik ausgearbeitet: Einfach einsteigen und nicht fragen, wie viel es kostet, dann zahlt man auch nur den regulären Preis. Aber zurück zum Taxi – Jackpot: Es gibt sie auch, die Guten. Und dank diesen haben wir auch zum sonntäglichen Viehmarkt in Karakol, eines der touristischen Highlights, gefunden. Nicht falsch verstehen, der Viehmarkt wird nicht für Touristen abgehalten, aber sie (wir) tummeln sich (uns) gerne dort. Weil man dort sieht, was man in Industriestaaten nicht mehr sieht, den Umschlag der Nutztiere. In teuren bunten Outdoor-Hosen kämpfen wir uns auf Zehenspitzen durch Morast, tänzeln um Kacke-Haufen und zücken Handy und Kamera… Ich bin gespannt, wie lange das gut geht, sind doch viele Touristen Weltverbesserer und zart besaitet. Ich nehme mich und Christian da jetzt prinzipiell auch nicht raus, aber wir besitzen diesbezüglich, denke ich, eine gesunde Portion Pragmatismus – eine philosophische Abhandlung dazu gibts am Ende des Absatzes. Zwischen 6 und 8 Uhr spielt sich das meiste am Viehmarkt ab, um 10 ists quasi schon wieder vorbei. Wir waren schon kurz nach 5 dort, in der Hoffnung ein paar düstere Szenen in der Dämmerung einfangen zu können. Und wir wurden belohnt. Reichlich. Es war wirklich spannend. Gehandelt wird alles, was gut schmeckt und/oder sich reiten lässt: Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde. Und deren Junge. Und Zubehör (Stricke, Sättel, Zaumzeug). Esel sieht man dort nicht (laut einem kirgisischen Informanten gab es vor einiger Zeit einmal einen Eselfleisch-Skandal, vor der Fleischmaffia ist man scheinbar nirgendwo gefeit), ebenso keine Schweine (Koran sagt nein). Und Geflügel wird offenbar auch woanders getradet. Ein Aktivist vom Wiener Tierschutzverein hätte hier seine liebe Müh und Not. Mit dem Vieh wurde mancherorts nicht zimperlich umgegangen, unter das Geplapper der Kirgisen mischte sich immer wieder das Geschrei ängstlicher Tiere. Straff umgelegte Stricke, Schläge und Kofferraumtransporte, mir war auch nicht immer wohl zumute und innerlich schwor ich sogar kurz den leckeren Mantis, Samsis und Hoschans ab. Auch waren mir nicht alle Handgriffe potentieller Geschäftspartner geläufig: Was ich erst als abnormes Streicheln der Fettsteißschafe interpretiert hatte, entpuppte sich als haptische Fett-Messung ala Hänsel & Gretel-Hexe. Denn Fett bzw. fettiges Fleisch kostet in Kirgistan viel mehr als mageres.

Auch wenn ich mit den bisherigen Schilderungen bei manchen von euch vielleicht ordentlich auf die Tränendrüse gedrückt habe, die meisten Leute gingen doch relativ ordentlich mit den Tieren um. Manche hatten sogar Einstreu auf den Anhängern. Außerdem muss man sich bewusst machen, dass es in Österreich kaum humaner zugeht. Weder der Transport noch die Schlachtung dürften sich für das meiste Vieh angenehmer gestalten. Und kaum ein Tier in Österreich hat die Möglichkeit frei auf einer Weide herumzuspazieren, wie es die meisten Nutztiere in Kirgistan können. Ob jetzt das Leben eines Tieres im engen Stall bei guter Fütterung und ohne Zugluft oder das vielleicht manchmal entbehrungsreiche Leben auf riesigen Weiden ohne Klauenpflege das bessere ist – ich traue mich nicht zu urteilen. Was man auf dem Viehmarkt zu sehen bekommt, ist wohl kein angenehmer, aber kurzer Abschnitt eines kirgisischen Tierlebens und berechtigt meiner Meinung nach keinen Touristen dazu die hiesigen Praktiken zu verurteilen. Mit zunehmendem Tourismus wird sich, da bin ich mir sicher, der eine oder andere Kirgise etwas anhören müssen. Schon jetzt waren manche Kirgisen auf dem Markt skeptisch, der Großteil der Leute hat sich aber nach wie vor gefreut uns zu sehen und stellte sich gerne für das ein oder andere Foto zur Verfügung. Und wer sich jetzt fragt, wies Christian bei dem Besuch erging: Er ist ohnehin der Pragmatischere von uns beiden, aber er sieht es wohl so wie ich, nur ohne dabei jemals daran gedacht zu haben auf Mantis, Samsis und Hoschans zu verzichten.

Irgendwann hatten wir dann genug vom Viehmarkt und wollten uns wieder freudigeren Dingen widmen: 2nd-hand Autos. Neben dem Viehmarkt findet an jedem Sonntag auch ein Automarkt statt, die Modelle umfassen schrottreife VW-Golfs, Kleintransporter mit deutschen Firmenaufschriften, Ladas in allen Gebrauchszuständen, aufgemotzte Audis und diverse andere russische Kfz-Modelle. Und ein einziges Motorrad haben wir gesehen, mehr als auf den kirgisischen Straßen. Euphorisch guckten wir die besonders ausgefallenen Modelle an, uns vorstellend damit in Österreich einzufahren. Natürlich hatten wir unseren Stinki nicht vergessen, aber man darf ja wohl noch träumen… Ein violetter Lada Niva, Bj 90, top in Schuss, auf der B1 in Hörsching – ihr müsst uns zustimmen, das hat was. Aber ein Kirgise hats dann auf den Punkt gebracht:

Es gibt 2 Sorten dumme Menschen auf dem Automarkt: Diejenigen, die horrende Summen verlangen und diejenigen, die diese auch bezahlen.

Die Preise am Automarkt haben sogar uns abgeschreckt, am Ende sind wir ohne neues Auto zurück ins Hostel frühstücken gefahren. Spiegelei. Mit Würstchen.

In Karakol haben wir uns (wieder) den Markt angesehen, Märkte sind halt einfach die Herzen der Städte. Kaum wo sieht man eine solche Vielfalt an Leuten, Tätigkeiten und Produkten. Es hat schon was von Voyeurismus, weil man quasi in die Wohnzimmer der Menschen sieht. Man sieht, was sie kaufen, was sie essen, worauf sie Wert legen (die schönsten bestickten Schonbezüge fürs Auto zum Beispiel). Und erstaunlicherweise trifft man dort wie anderswo immer wieder unerwartet auf Kirgisen, die Deutsch sprechen. Bei manchen ist genug aus der Schulzeit hängen geblieben um etwas mit uns zu plaudern, manche haben auch Sprachkurse besucht. Wir freuen uns immer, wenn wir mehr mit den Leuten plaudern können, unsere nicht vorhandene Russisch-Kenntnisse sind schon ein großes Handicap. Sicher, überleben kann man gut mit Gestikulieren und Herumdeuten. Man wird weder verhungern noch irgendwo im Straßengraben sitzen bleiben. Bisweilen haben wir es sogar geschafft unser Handyguthaben regelmäßig aufzuladen. Aber nachdem wir einen Tag lang mit einem Russisch-sprechenden deutschen Pärchen unterwegs gewesen waren, waren wir unseres sprachlichen Ungeschickes etwas frustriert. Der Informationsfluss über Hand und Fuß ist doch sehr begrenzt und so haben wir die beiden Deutschen mit Fragen an die Kirgisen bombardiert. „Könnt ihr mal bitte fragen, warum…“, „Und wieso….?“ und plötzlich regnete es auch von kirgisischer Einladungen ala „Nächstes Jahr könnt ihr mit auf die Sommerweide kommen, da fahr ich 150 km mit meinem 6×6 Ural [Anm.: ein 3-ächsiges Monstergefährt mit einem Verbrauch von mindestens 60 L/ 100 km] hin, da gibts nur Bären und Schneeleoparden und weit und breit weder Straßen noch Touris!“. Wir hatten uns nicht vorstellen können, dass die ohnehin freundlichen Kirgisen noch freundlicher werden, wenn man alles versteht, was sie einem sagen wollen. Wir waren ganz hin und weg. Natürlich kamen aber auch Fragen wie „Ist es schwer nach Europa zu kommen? Ist es leichter, wenn ihr mich mitnehmt?“.

Leider trennten sich dann unsere Wege wieder, somit verloren wir unsere Übersetzter und betätigten uns wieder der vorwiegend gefuchtelten Sprache. Trotz diesen enormen Defizites schafften wir es zurück nach Bokonbaevo. Bzw. nach Bishkek, wo Christian unser Ersatzteil vom Österreichischen Konsulat abholte. Für die Angestellten war es auch eine Premiere, zuvor hatte sich wohl noch nie jemand fragen getraut, ob man denn bitte bitte ein Autoersatzteil an sie schicken dürfte. Christian, mein Held! Ich habe ihn (bzw. das Päckchen) in Bokonbaevo in Empfang genommen und musste mir dann ohne zu übertreiben sicher 6 mal anhören:

„Mach ja nichts kaputt. Pass bitte auf den Keramik-Ring auf… Nein, leg ihn besser hin… Bist du eh vorsichtig?!“

Gleich am selben Abend konnte er sich von mir noch anhören, dass ich auch gern ein Keramik-Ring wär, so besorgt, wie er um ihn ist…

Bevor wir uns am nächsten Tag konzentriert, fokussiert und motiviert ans Wechseln der Dichtung machten, haben wir uns noch Rat vom 2. Großen Häuptling der Mechanik via WhatsApp aus Österreich geholt. An dieser Stelle nochmals ein großes Dankeschön an Joe, der sich die Zeit genommen hat, auch auf unsere blödesten Fragen zu antworten! So konnte eigentlich fast nix mehr schief gehen. Ich würde ja gerne sagen, es war eine Operation am offenen Herzen, aber als Herz wird ja gemeinhin der Motor bezeichnet. War dann wohl eher ein Eingriff in die zentrale Schweißdrüse. Ganz verletzlich stand er dann vor uns, mit entblößter Ausgleichswelle. Natürlich gings nicht ganz ohne Fluchen und Verzweiflung, aber nach Stunden des Tüftelns und Werkelns wars vollbracht. Sogar Abdyrasul, der Guesthouse-Besitzer, ist uns zur Seite gestanden und hat uns eine Blechschere zur Verfügung gestellt, ohne dieses Skalpell für Autos hätten wirs wohl auch nicht geschafft. Jedenfalls zählen wir heute Tag 3 ohne Tropfen! Kein Kühlwasserblut, wo keines sein soll, auch, wenn uns der kleine Scheißer gleich nach der OP einen Mords Schrecken eingejagt hat: War da doch glatt wieder ein neongelber Tropfen, wo keiner sein sollte! Aber die heiße Luft hat ihn erbarmungslos weggedunstet und er ward bis zum heutigen Tag nicht mehr gesehen! Hurra!

Die Probefahrt ließ nicht lange auf sich warten und bald schon schmetterten uns die kirgisischen Kinder mit wildem Winken wieder ihr „Hello!“ in den Bus. Vielleicht ist es nur Einbildung, aber in Kombination mit dem Bus scheinen wir fast noch beliebter. Oder vielleicht lachen sie auch über ihn, wer weiß, schließlich zählen hier nur Marke und PS…. Aber scheißegal, wir lachen mit, denn: We’re on the road again, baby!

Am Ende haben wir so viel Zeit in Gulmiras Guesthouse in Bokonbaevo verbracht, dass wir sogar noch Abschiedsgeschenke bekamen. Vielleicht haben wir sogar den Nächtigungsrekord gebrochen, aber wir fühlten uns wirklich gut aufgehoben. Wir bekamen hausgemachte Marillenmarmelade, ein Filzkamel (das mit den Kamelen als Souvenir hatte ich noch nicht wirklich durchschaut, uns war noch kein einziges kamelähnliches Tier untergekommen) und einen Kalpak. Dabei handelt es sich um DEN traditionellen Filzhut der kirgisischen Männer, er symbolisiert die Berge und schützt bei widriger Witterung. Derart gut ausgerüstet haben wir uns dann erneut dem Barskoon-Tal gestellt. Ich darf erinnern:

Dies war der Ort des brutalen Dichtungszusammenbruchs, der Zerfleischung von Stinkis Weichteilen, der Ort des Grauens.

Sanft traten wir ins Gaspedal, tasteten uns erst vor in ein Fichten-bewachsenes Tal, vorbei an Point Zero, immer weiter Richtung der Berge, die Temperaturanzeige stets im Blick. Im vorwiegend ersten Gang schlängelten wir uns die steilen Serpentinen hoch. Die Vollbeladung machte sich in Kombination mit den 50 PS bei der Höhenluft deutlich bemerkbar. Und um ehrlich zu sein, Christian war tapfer: Ich bin gefahren. Und ich hab das Rallye-Gen von meiner Mama geerbt. Nicht, dass ich sonderlich gut fahren könnte, weit gefehlt, aber es macht einfach Spaß den Stinki auf seine maximal mögliche Schräglage zu testen. Stinki meisterte tadellos einen 3800 m Pass – Feuerprobe bestanden, jei! -, dann öffnete sich vor uns eine weite Hochebene. Ein Ökologe würde sie als alpine Kältesteppe klassifizieren. So kalt wars aber nicht, nur windig. Aber so eine kleine Portion Extraluft schadet in diesen Höhen ohnehin nicht, leichtes Kopfweh mahnte uns der Höhenkrankheit. Ein kleines unromantisches Detail hab ich außerdem verschwiegen: Regelmäßig donnerten Schwertransporter an uns vorbei, die Straße ist zwar nicht asphaltiert, aber gut gewartet. Kraftstoff-LKWs wechselten sich mit Transportern ab, die dutzende abgefahrene 3 m-Reifen ins Tal transportieren. Mit Spitzengeschwindigkeiten von 90 km/h auf knapp 4000 m Höhe. Eigentlich surreal, aber der Mensch ist gierig und so findet man hier die siebtgrößte Goldmine der Welt auf 4000 m Höhe. 1978 wurde das Goldvorkommen im Permafrostboden (größtenteils unter einem Gletscher!) entdeckt, 1997 nahm die Mine unter kanadischer Führung (und Beteiligung des kirgisischen Staates) den Betrieb auf. In 14-tages Schichten arbeiten hier in dünner Luft vorwiegend kirgisische Staatsbürger, der Ertrag der Mine macht bis zu 13 % des kirgisischen BIP aus! Immer wieder gibt es Konflikte zwischen Betreibern und Bürgern, nicht zuletzt wegen der Umweltprobleme: Die Gegend um den Gletscher ist ein bedeutendes Trinkwasserreservoir und allein im Jahr 2011 wurden über 3600 Tonnen Zyanid verwendet um 260 Tonnen Gold aus dem Gestein zu lösen. Und was macht man mit der Giftbrühe? Bauen wir erst mal ein paar Rückhaltebecken, dann sehn wir weiter. Klaro, dass das nicht gut gehen kann und so stürzte 1998 ein 2-Tonnen Container Zyanid von einem LKW in den Barskoon-Fluss. Ups. Der Fluss mündet übrigens in den Issyk-Kul. Hoppala. Wer sich näher mit dieser Katastrophe beschäftigen möchte, dem sei ein Sparten-Film empfohlen: Erkingül (www.flowers-of-freedom.com). Zugegeben, wir haben ihn (noch) nicht gesehen, aber laut unseren Recherchen wurde er auf der Berlinale gezeigt und bekam gute Resonanz.

Nun aber zurück zur Hochebene: Hier also besser auch kein Wasser trinken. Woher die Menschen, die hier zumindest den Sommer über in den Jurten leben, ihr Wasser bekommen – daran wollten wir lieber nicht denken. Stattdessen forderten wir unser Schicksal heraus und fuhren dem nächsten Pass entgegen. Auf einer nun rumpeligeren Piste (gab dort ja kein Gold mehr) fuhren wir bis auf 4026 m – Christians neue Höchstmarke. Die Gletscherzungen schienen zum Greifen nahe, Geröllmassen leckten seitlich der Berge, hier im Land der Schneeleoparden. 500.000 SOM Strafe, mahnte uns eine Tafel, zahle man für das Erlegen eines solchen. Umgerechnet 6.250 €. Reichlich wenig Geld für einen Russen, der gerne ein kuschelig-flauschiges Fell eines vom Aussterben bedrohten Tieres vor seinem Kamin liegen hätte. Bären und Adler sind übrigens billiger.

Da die Passstraße irgendwo ins Nirgendwo mündet und unsere Kraftstoffreserven zur Neige gingen (hier möchte ich anmerken, dass sich bei mir jedes Mal große Stirnfurchen bilden, wenn ich im Kopf unseren Durchschnitts-Kraftstoffverbrauch mit Pamir-Highway-Kilometern multipliziere und mit der Häufigkeit von Tankstellen in der Pampa überschlage), haben wir wieder umgedreht und haben die Hochebene unsicher gemacht.

Rallye auf 4000 m, hier kann man schneller fahren als auf der Hauptstraße am Issyk-Köl.

Bei Graupelschauer, Wind und abwechselnd Sonnenschein sind wir die Serpentinen runtergedüst und haben mit den letzten Tropfen Benzin eine marode Tankstelle erreicht. Gerne hätten wir Stinki mit reinstem, leckerem 95er Benzin belohnt, aber da der 95er hier ohnehin als seltene Rarität gilt, haben wir Stinki erstmals mit 92er Benzin betankt. Läuft auch. Und sollts mal keinen 92er geben, 80er gibts sicher.

So und da sind wir nun, gestrandet am kirgisischen Meer, lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und genießen unsere wiedergewonnene Freiheit. Eine letzte Neuigkeit gibts noch: Wir bekommen Besuch! Christians Bruder Mario wird am Montag zu uns stoßen und uns für mindestens eine Woche begleiten. Im Gepäck hat er ein weiteres Set Wasserpumpen-Ersatzteile samt holdem Keramik-Ring. Christians Augen werden wieder glänzen. Und man kann ja nie wissen… Den Bus haben wir jedenfalls schon umgeräumt auf 3-Personen-Kompatibilität, den Spritverbrauch im Kopf hab ich vorausschauend mit einem großzügigen Faktor von 1.2 multipliziert und unser Nudel-Vorrat ist aufgestockt! Mario, du kannst kommen 😊

Meine Bilder für dein Zuhause!

3 thoughts on “Backpacking, baby!

  1. Super, dass es endlich weiter geht bei euch! Hoffentlich war das das erste und letzte gröbere Gebrechen eures fahrbaren Untersatzes!
    Super geschrieben, ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag!

    • biemann-photography

      Der nächste Blog-Beitrag ist fast schon online 😉
      Zum anderen Teil deines Kommentars können wir uns momentan nicht äußern! Sorry :/

  2. Hallo ihr beiden .,

    Super Bilder und He Christian , deine Bessere Hälfte hat das mit dem Schreiben besser drauf 🙂 macht du lieber Bilder.
    Alles Gute Euch .


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*