NEULAND - Unser kleines Tschernobyl

// wie der Fahrtwind zum Gegenwind wurde

Hier wieder Vanessa am Apparat. Einige Leute fanden meine geistigen Auswüchse nicht allzu zuwider, deshalb setz ich mich für diesen Eintrag erneut an die Tastatur. Dass wir schon wieder etwas zu erzählen haben (und so viel), liegt daran, dass der letzte Eintrag etwas später gepostet als geschrieben wurde, sprich, es ist inzwischen mehr passiert, als uns allen lieb gewesen wäre…

Weil Christian und ich ja so sozial sind, haben wir in unserer Woche in Bishkek (nicht nur) einen tollen neuen Freund kennengelernt. Und ihn, als Ersten überhaupt, ganz stolz auf ein Bier in unser kleines Reich eingeladen: Schuppdiwupp Sitze umgeklappt und fertig war die Subaru-Indoor-Bierbankgarnitur! Ok, zugegeben, ein bisschen Rütteln und tollpatschiges Herumprobieren an den Hebeln war nötig, wir sind doch noch nicht ganz vertraut mit all den Gadgets unseres Busses (ich erinnere an die herausfordernde Ingangsetzung der Lüftung!), aber nach dieser eigentlich nicht nennenswerten Blamage war unser neuer Freund äußerst beeindruckt von der flotten Wandlungsfähigkeit und dem großzügigen Innenleben des Libero. Ich übrigens ebenso. Und ich träumte jetzt auch Christians Traum von lauen europäischen Sommernächten mit Bus am MaxMustersee oder MaxMusterbach… keine Zweifel mehr, der Stinki kommt mit nach Hause.

Am Tag Null unserer Fahrt haben wir morgens den Wagen aufpoliert (WD40 für die quietschenden Holme der Heckklappe, die Seitentüren schwingen jetzt so gut, dass der kleinste Windhauch sie zubläst und sogar fehlende Zierkäppchen hab ich am Markt noch ergattert) und noch ein Weilchen Tetris gespielt – Gott sei Dank befinden sich Christian und ich etwa auf dem gleichen Nerd-Niveau, was Ordnungsliebhaberei betrifft. Das Einschlichten der Kisten und Rucksäcke haben wir also ganz unison gemeistert:

„Das Frisbee muss in die Hobby- und Freizeittasche!“
„Die Beilagscheibe bitte in das Kleinteil-Döschen!“
„Das Klopapier gehört unbedingt unter den Fahrersitz, falls es mal schnell gehen muss!“

So kleinkariert wir jetzt auch erscheinen mögen, eigentlich sind wir dann doch ziemliche Draufgänger. Denn erstens transportieren wir 2 blecherne, prall gefüllte Benzinkanister auf dem sonnenexponierten Dach unseres Busses (ich hab mir diesbezüglich mehrere, voneinander unabhängige Expertenmeinungen eingeholt bezüglich der von mir befürchteten Explosionsgefahr bei starker Sonneneinstrahlung und die Antwort war durchwegs: „Machen alle so.“ Oder: „Njet Problem.“ Das und eine Zündtemperatur von 220 – 460°C haben mich dann beruhigt.) Und zweitens (bezüglich Draufgängertum) hat Christian gleich energisch Gas gegeben, als ein Polizist nach den ersten Kilometern versucht hat uns zur Seite zu winken. Haha! Glücklicherweise war der zu faul uns zu verfolgen. Lautes Juchzen und Lachen im Bus, ein High Five und wir waren uns sicher die Probleme mit den Schantingers im Griff zu haben. Christian wurde dann glatt übermütig und hat sich sogar getraut vor einer Polizeistation mit 3 herumlungernden Polizisten anzuhalten – Russisch Roulette sag ich nur.

Auf dieser Wolke der Unbeschwertheit sind wir dann mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 60 km/h weiter durch steppenartige Landschaften in Richtung Osten durchs Tschui – Becken geflogen. Das, was an uns vorbeizog, war unglaublich schön. Der Tschui ist einer der wichtigsten Flüsse Kirgistans und wird zum Bewässern großer Ackerflächen verwendet, was die stellenweisen grünen Oasen erklärt. Der Fluss entspringt im Zentralen Tien Schan (Tian Shan) Gebirge, dessen angezuckerte, bis zu 7439 m hohen Gipfel immer mehr in unsere Nähe rückten. Lauter exotische Namen, die man irgendwann schon irgendwo gehört hat, vielleicht beim Universum-Gucken oder beim samstäglichen Lungern vorm ServusTV…. Wir sind glücklich hier zu sein, hier sein zu können, zu dürfen, wie auch immer, es ist schließlich keine Selbstverständlichkeit. Alexander Supertramp hätte sich vielleicht auch besser Kirgistan als Destination für seinen Selbstfindungstrip ausgesucht, schöne ausgebeinte Busse gibt’s hier nämlich auch. Und die Beeren sind vielleicht etwas weniger giftig. Verhungern muss man hier jedenfalls nicht, aufgrund sprachlicher Barrieren und fehlender Interpretationskenntnisse der Mimik hiesiger Bedienungen bestellen wir gerne auch mal für vier Personen. Ohnehin müssen sich unsere Mamis keine Sorgen um unseren Bauchumfang machen, die kirgisische Küche ist sehr lecker, aber auch reichhaltig. Es wird gekocht, wie bei Oma Hermi, a wenig a Schwartnfett dazuagschnittn, dass bessa schmeckt, dort nu a bissl an Batzn Schmalz drauf, und nu a wengal a Grammelfettn drunta, und dass ned goa so fad duat a Stampal, oder drei, Öl dazua. Und hernach a boa Keksal und Zuckal, a weng a Mamalad in Tee eini, ko ja ned schodn, goi. Nur dass man hier nicht sagen kann: „Oma, danke, gnuagt scho, reicht scho, i kann nimma!“. Einem echten Kirgisen tut die hiesige Kost offensichtlich gut, bewegt der sich auch aktiv durch die Steppe und in alpinen Höhen (oder zumindest per Equus) und badet in kalten Gewässern! Wir beiden verweichlichten Europäer jedoch, wir Warmduscher, wir uns passiv fortbewegenden Overlander, sind auf diese reichhaltige Nahrungszufuhr schlecht vorbereitet. Aber natürlich ist meine Darstellung wie immer maßlos übertrieben, gibt es doch stets Salat dazu. Und jetzt Vorsicht bitte an all jene, die ihr gerade an eurem mittäglichen Eiweißriegel knabbert, an eurem Multivitaminsmoothie nippt oder das Leberkässemmerl von der Neun-Uhr Jause wiederkäut:

Ein ungewollter Blick in eines der zahlreichen kirgisischen Plumpsklos verrät, dass kirgisische Häufchen auch nicht dem gastroenterologischen Idealbild entsprechen.

Nun aber wieder zu schöneren Themen. Schöne Friedhöfe nämlich. Man sieht sie hier überall in der Landschaft verstreut. Schmiedeiserne Zäune umringen diese, die muslimischen Gräber selber muten recht abendländisch an, mit Halbmonden und teilweise auch Mosaiken verziert. In dieser kargen Landschaft sind sie wirklich schön anzusehen, fast wirken sie märchenhaft. So auch das Fairy Tale (Skazka) Valley, welches sich nur wenige Kilometer entfernt von der Hauptstraße versteckt. In diesem verzweigten Canyon türmt sich das vor Millionen von Jahren abgelagerte Gesteinsmaterial nun senkrecht auf. Man hat fast das Gefühl, hier wäre die Erde aufgerissen und zeigt ihr verletzliches Inneres. Die verschiedenen Farben der Lehm- und Sandsteinformationen leuchten um die Wette. Und endlich konnte ich ein paar Franzis (mein Universal-Kosename für alle hübschen Insekten und Spinnen) fangen, sogar eine ganz besondere Franziska war dabei. Und auch die Nacht verbrachten wir mitten unter einer Trillion Blut lechzender Franzis am Issyk Kul (Yssykköl). Zu diesem See im Osten des Landes möchte ich euch ein bisschen etwas erzählen. Zum einen, weil er einer der größten Gebirgssee der Erde ist (182 km lang, bis zu 60 km breit und bis zu 700 m tief (!)) und zum anderen, weil er auch das ‚Kirgisische Meer‘ genannt wird und sich großer Beliebtheit sowohl bei in- als auch ausländischen Touristen erfreut. Der See liegt auf 1607 m im Tianshan Gebirge und gefriert auch bei winterlichen Lufttemperaturen von -20 °C nicht. Zum einen liegt das an der raschen Wasserumwälzung im See als auch an dessen Salzgehalt von 6 g/kg. Dadurch dass er viele Zuflüsse, aber keinen Abfluss hat, schwankt der Wasserspiegel stark – schon leichte Klimaveränderungen ließen in früheren Zeiten Ansiedelungen am Ufer des Sees verschwinden. Und traurigerweise ist von der ursprünglichen Fischpopulation kaum noch was übrig. Aber egal, wie viele Daten ich euch hier um die Ohren schmeiße: Das kleine Planschbecken sieht schon geil aus mit all den vergletscherten 7000ern im Hintergrund. Und der Salzgehalt macht das Wasser zwar zum Trinken ungeeignet, aber ich hab beim Zähneputzen keinen Würgereflex verspürt und Suppen kann man auch toll damit kochen, vor allem, wenn man vergessen, hat Salz einzukaufen….

Geträumt haben wir super in unserem Bus! Und sogar unsere nächtlichen Rangeleien um wertvollen Schlafplatz sind ausgeblieben! Ich wurde aber etwas unsanft geweckt. Der Bus hat geschaukelt. Ernsthaft?! Ich kannte das schon. Die Kirgisen finden unseren Stinki nämlich so putzig, dass sie keine Gelegenheit auslassen, dran zu rütteln und zu schütteln. Sie wollen sich und der Welt damit beweisen, dass er sich auch so anfasst, wie er aussieht. Zugegeben, man kann ihn mit dem kleinen Finger schon ziemlich aus der Senkrechten bringen. Wir lassen ihnen die Freude auch meistens, wenn sie nicht ganz zu übermütig werden. Aber dass jemand wirklich die Frechheit besitzt in aller herrgotts Früh den Stinki samt menschlicher Ladung auf Achterbahnfahrt zu schicken, das ging mir dann doch zu weit. Christian hat seelenruhig geschlafen, während ich mich mit furchterregender Mine aus dem Schlafsack schälte: Aber da war keiner. Langsam zweifelte ich an meinem Verstand. Seit 2 Tagen hörte ich nämlich auch Geräusche im Bus, die Christian nicht hörte und ich fühlte mit meinen Zehen Erschütterungen in der Bodenplatte des Busses, wo Christian nichts fühlte. Einzig die wiederkehrenden Kühlwassertropfen sah er auch, meine Augen waren also noch in Ordnung. Vielleicht war ich zur Hypochonder mutiert, eine leichte Veranlagung hab ich ja. Aber das Toiletttascherl schaukelte auch noch, ich bin ja nicht blöd. Ein Erdbeben musste es sein, hab ich mir zusammen gereimt. Und gleich Christian aufgeweckt. Erzählt. Age, du spinnst, meinte der. Ich sollte aber doch Recht behalten. Mit allem. Im nahen China hatte die Erde gebebt. Und auch der Bus hatte wohl hör- und fühlbare Geräusche gemacht: Die Benzinkanister waren locker geworden, Gott sei Dank haben wirs früh genug bemerkt, sonst hätten wir jetzt vielleicht eine demolierte Windschutzscheibe. Aber zurück zum Kühlwasser: Trotz Reparatur in Bishkek hat der Stinki wieder angefangen zu bluten, mal weniger, dann wieder mehr. Inzwischen parkten wir nirgendwo mehr ohne einen Kanister unterzustellen Wir haben deshalb beschlossen nach Karakol, ans östliche Ende des Issyk Kuls zu fahren. In dieser größeren Stadt würden wir wohl jemanden finden, der uns helfen würde können. Lange Geschichte, kurz erzählt: Wir haben dann eine Werkstatt empfohlen bekommen, sah ganz ok aus. Am Ende verbrachten wir dort knapp 6 Stunden, in denen wir Nerven und noch mehr Kühlflüssigkeit verloren und – ole ole – der ‚Mechaniker‘ hat uns eine Keramikdichtung geschrottet. Und versucht sie freestyle zu kleben. Und wieder eingebaut. Und dann nicht mehr gewusst, wie man das Auto wieder zusammenbaut. Christian und ich haben erst ratlos zugesehen, uns dann eingemischt und am Ende fassungslos mit unserem Bus die Flucht ergriffen, hoffend, damit zumindest noch nach Bishkek zu kommen. Wir haben ja bekanntlich keine Ahnung von Autos. Aber die Mechaniker hier noch weniger. Ich hatte so viel Inkompetenz schlichtweg nicht für möglich gehalten, aber wir haben inzwischen von anderen Overlandern mitbekommen, dass wir kein Pech gehabt hatten, nein, das ist schlichtweg einfach so.

Niemals jemanden an dein Gefährt lassen ohne ihm zumindest über die Schulter zu schauen. NIEMALS.

Wir haben also schon in Bishkek die Goldene Overlander-Regel gebrochen. Und müssen schwer dafür bezahlen. Am nächsten Tag sind wir – Draufgänger, die wir sind – noch in ein kleines verlassenes Seitental gefahren, bevor wir uns nach Bishkek aufmachen wollten. Rein sind wir gekommen. Dann: Stinkis Aorta musste geplatzt sein, neongelbes Kühlwasserblut sprenkelte die Straße, wir waren verzweifelt! Unser persönliches kleines Tschernobyl drohte uns eben zu vernichten (bitte um Vorstellung äußerst dramatischer Hintergrundmusik): Die Nadel der Temperaturanzeige sank! Ich hatte vor wenigen Monaten eine sehr empfehlenswerte Doku über die technischen Hintergründe des Reaktorunfalls gesehen und so war uns beiden Ingenieuren sofort klar: Da konnte etwas nicht stimmen, die Temperatur war viel zu niedrig, der Temperatursensor musste im Trockenen liegen! Im Kontrollraum unseres Busses begann Hektik aufzusteigen, Christian betätigte den Bremsschalter, ich den Heckklappenöffnungsschalter, um uns Zugang zu Laderaum und Kühlwasseröffnung zu verschaffen. Heißer Dampf entstieg dem Kühlwasserbehälter, nachdem sich der Nebel gelegt hatte, hatten wir freie Sicht auf … gähnende Leere! Mit einem Fackelmann-Spezialtrichter (12 cm Durchmesser) und einem prallgefüllten 5 L Kanister neongelben SiberiaAntiFreeze (-40°C – +120°C) versuchten wir das Übel abzuwenden. Aber es rann fast ebenso viel Kühlwasserblut raus, wie wir nachfüllten. Also sprangen wir in den Kontrollraum, setzten alle Hebel in Bewegung, fuhren ein paar 100 m und füllten dann erneut – inzwischen Gebirgsbachwasser – nach. Nach einigen Kilometern erreichten wir ein kleines Kaff. Dort stellten wir unseren Stinki ab und haben ihn bis zum heutigen Tag nicht mehr in Betrieb genommen. Christian verlor dort seine Contenance und so bekam unser Bus zum ersten Mal väterliche Strenge in Form eines FlipFlops zu spüren. Eigentlich müsste er jetzt nicht mehr Stinki heißen sondern Spucki oder Lecki oder so. An der Endung ‚i‘ könnt ihr aber erkennen, dass wir noch immer etwas für ihn empfinden und nicht gewillt sind, ihn hier im Nirgendwo in Kirgistan im Stich zu lassen. Deshalb organisierten wir ein Taxi, das uns 50 km weit abschleppte. Nach Bokonbaevo.

Dort ließ ich tags darauf mütterliche Milde walten und hab dem Bus meine heißgeliebte extra-softe Zahnbürste geopfert, um seine Wunden zu säubern. So kam auch ans Licht, dass die Kühlwasserpumpe nicht aufgrund einer Beschädigung leckte, wie wir erst dachten, sondern ganz laut Vorschrift aus einer Soll-Ablauföffnung. Da soll aber nur was rauskommen, wenn in der Pumpe selber was nicht stimmt. Ergo, nachdem da was rausfloss, stimmte in der Pumpe etwas nicht. Ihr seht, wir lernen unser Fahrzeug kennen. Einer von Christians Kontakten hat uns dann aufgemuntert, den Stinki selbst zu zerlegen. Ganz einfach, meinte er. Kannste nix falsch machen. Alles gut dokumentieren, aufschreiben, aufzeichnen, dann kann nix schief gehen. Und vor allem: Alle Verbindungen müssen sich leicht lösen. Geht alles ohne Gewalt. Schuldbewusst dachten wir an unseren letzten Werkstattbesuch, bei dem die Mechaniker unseren Stinki mit Hebelwirkung durch Rohrverlängerung malträtiert hatten. Wir fühlten uns grad wie Pumuckl, der merkte, dass man Goldfische nicht mit Wurst füttern soll. Ich hoffe, dass unser Stinki nicht auch bald mit dem Bauch nach oben schwimmt. So haben wir dann jedenfalls unser Bestes gegeben, das Hinterrad zur besseren Sicht heruntergestreichelt, fotografiert, Schrauben beschriftet, das Pumpenrad sanft herausgekitzelt und gesehen, dass die flegelhaft eingebaute Keramikdichtung eine weitere Gummidichtung faschiert hat. Genau das Teil, das wir in Bischkek wechseln hatten lassen. Genau das Teil, das wir somit nicht mehr in der Ersatzteilkiste hatten. Somit hatten wir die Gewissheit: Wir brauch(t)en ein neues Water Pump Kit, wahrscheinlich aus Europa. Weil, eh schon wissen, Subaru Liberos und ihre Ersatzteile hier eher selten anzutreffen sind. Und alle, die sich jetzt denken: ‚Na, Leude, is doch nich so schlimm, bestellt mal schnell n neues Teil!‘. Ja eh, stimmt schon, Versanddauer UPS 6 Tage von Linz nach Bischkek. Aber der kirgisische Zoll fetzt. Und zwar gewaltig. Wir wissens nur aus Georgien: Ganze 2 Monate lag dort mal eins unserer Päckchen trotz korrekt ausgefülltem Custom-Scheins. Das bereitet ziemliche Magenschmerzen, da braucht man keine E. coli oder Clostridien mehr. Im Moment reizen wir grade alles an Kontakten und Kontakte von Kontakten aus, um an unser Ersatzteil zu kommen. Frustrierend, welch Leiden ein so kleines Kunststoffteil erzeugen kann. Inzwischen sind wir bei einem perfekt Deutsch sprechenden Russen gelandet, dessen Beruf und Tätigkeit uns gänzlich mysteriös erscheinen. Weniger auf die russisch-mafiöse, eher auf menschlicher Ebene. Denn der liebe Alexandr haut sich aus uns unerfindlichen Gründen mächtig ins Zeug um uns in Russland Ersatzteile aufzutreiben. Er hat Zugang zu Ersatzteilkatalogen, das sag ich euch, da wäre sogar die NSA neidisch. Bis nach Nahodka hat er schon rumtelefoniert (und für alle Google-faulen unter euch: Nahodka ist echt am A*** der Welt, liegt östlich von Wladiwostok, 3 Zehenspitzen von Nordkorea und einen Hupfer von Japan, also dem Ursprung unseres Stinkis, entfernt. Back to the roots sag ich nur). Ein Versand aus Russland hätte den Vorteil, dass keine Zollkontrollen anfallen, da Russland und Kirgistan Teil einer Zollunion sind. Und nicht nur Alexandr setzt alle Hebel in Bewegung, dass wir nicht in Bakonbaev versauern, nein, auch das österreichische Konsulat in Bishkek hat uns das OK gegeben, dass wir unsere Autoteile an ihre Adresse schicken lassen dürfen. Christian und ich haben heut schon gerätselt, wofür ein Konsulat alles zuständig ist. Man darf die Kompetenzen der Diplomaten nicht unterschätzen! Am besten wärs natürlich, wenn jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der bald nach Kirgistan fliegt und uns das 200 g schwere Päckchen mitnimmt… 😊

Hört sich jetzt an, als würden wir nur rumsitzen und telefonieren. Stimmt auch fast so, aber zwischendurch gabs doch auch was zu erleben, wir sind ja eigentlich nicht nach Kirgistan gekommen um unseren Mechaniker-Meister nachzuholen. Und wir haben uns schon was dabei gedacht uns nach Bakonbaev abschleppen zu lassen. Hier fand nämlich letzten Samstag ein eigens für Touristen organisiertes Festival statt, das Birds Of Prey Festival. Und obwohl Christian und ich eine starke Allergie sowohl auf andere Touris als auch auf pseudokulturelle Veranstaltungen haben, haben wir uns trotzdem hin getraut. Ich mag nämlich Nationalsportarten, in denen tote Ziegen vorkommen. Und Pferde. Und Greifvögel. Am besten mit Bergpanorama im Hintergrund. Kurz gesagt, so viel unterscheiden Christian und ich uns auch nicht von anderen Touristen, uns hats gefallen, wir haben alles fleißig mit der Kamera dokumentiert und uns auch gegenüber deutschen Socken-in-Sandalenträgern ordentlich benommen. Das Programm umfasste traditionell kirgisische Musik, Tänze, der Bau einer Jurte (das ging echt zackig, in einer knappen viertel Stunde stand das Ding, der Weltrekord liegt bei circa 8 Minuten), aber auch interessanten Wettkämpfen, in denen sich beispielsweise 2 Reiter vom Pferd ringen (genannt Oodarysh) oooder – das tollste – Ziegenpolo (korrekterweise Kok-boru bzw. Ulak tartysh genannt): Dabei versuchen 2 berittene Mannschaften eine frisch geköpfte Ziege ins fremde ‚Tor‘ zu bekommen. Die Siegermannschaft darf sich anschließend über Ziegen-BBQ freuen. Da gingen die Wogen hoch, sag ich euch, nicht nur unter den kirgisischen Besuchern! Da ist die Fußball-EM nix dagegen.

Ich plädiere deshalb für eine österreichische Kok-boru Mannschaft!

Seit ein paar Nächten schlafen wir jetzt außerdem in einer Jurte, so wie sichs für Touristen gehört. Und wenn wir gerade keinen Schraubenschlüssel oder eine Kamera in der Hand halten, dann einen Dosenöffner. Denn seit ein paar Tagen gibt’s Tomaten-Gurkensalat mit blubberndem Dosenfisch und Katzenfutterdosenfleisch. Geht einfach schneller als Essen zu GEHEN ins Zentrum, wir haben jetzt ja kein Auto mehr, jeder Meter Fortbewegung ist somit wieder eine logistische Meisterleistung. Auf einen benachbarten Berg haben wirs trotzdem (keuchend und stöhnend) geschafft. Erstmals wurden wir dort mit einem 360° Panorama des Tien Shan belohnt, unglaublich schön! Der Wind hat sogar ferne Muezzin-Gesänge an unser Ohr getragen! Und auch, wenn wir wirklich mit unserem Dichtungsschicksal hadern, im Licht der untergehenden Sonne lässt der Ausblick unsere neongelben Probleme richtig mickrig erscheinen. Fast vergessen der Ärger mit Stinki. Vielleicht hats sogar etwas Gutes, wir sind weniger verführt die Landschaft aus dem Bus heraus zu bestaunen, wir führen unsere Füße wieder mehr ihrer eigentlichen Bestimmung zu: Weg vom Gaspedal, rein in die Wanderschuhe.

Ach und übrigens, wir sind jetzt nicht nur verheiratet, sondern wir haben inzwischen auch Nachwuchs bekommen. Unser Sohn ist 10 Jahre alt und heißt Noah und verbringt die Ferien bei seiner Oma in Österreich. Damit wir, wenn wir gefragt werden, ob wir Kinder hätten (welche nach ‚Woher kommt ihr?‘ und ‚Seid ihr verheiratet?‘ spätestens die dritte Frage ist), nicht immer in so über die Maße mitleidige Gesichter blicken müssen.­­­­­­ Besonders praktisch ist natürlich, dass ich ein paar Bilder meines kleinen Bruders am Handy habe…

Meine Bilder für dein Zuhause!

6 thoughts on “Unser kleines Tschernobyl

  1. Hallo ihr beiden Abenteurer!
    Ich sitze hier gemütlich in unserem Garten bei einem gute Glas Wein und zieh mir eure Reisestories rein – einfach unfassbar gut 🙂 Und spannend! Mindestens so spannend wie Mark Twains Abenteuer von Tom Sawyer und Huckelberry Finn. Nein, spannender..und mit Humor, Witz, aber auch Hintergrundwissen verfasst. Eine gute Kombination, Vanessas Schreibstil gepaart mit Christians Fotos. Macht einfach Spaß zu lesen. Auch wenn ich euch in der jetzigen Situation nicht beneide, aber für Eure Leser bleibt es somit interessant. Und auch spannend für Euch, naja, ihr habt euch das ja auch ein Stück weit selbst ausgesucht. Abenteurer, ihr beide habt meinen Respekt. Auf dass es bald wieder weitergeht, in eurem tollen, gelben Gefährt. Alles Gute und toi, toi, toi 👍.

    • biemann-photography

      Hallo Robert!
      Oha, danke dir für deine schmeichelnden Worte! Das freut uns extrem!
      Tja, wir haben es uns selbst ausgesucht, selbst Schuld könnte man sagen 😉
      Aber irgendwie wirds schon und dann sind wir um viele Erfahrungen reicher. So der Plan 😀
      Und mit dem geplanten Roadtrip können wir nun auch schon wieder weitermachen… aber hey, wir wollen hier ja nichts vorweg verratan 🙂
      Bis dann! Liebe Grüße!

  2. Was für ein Abenteuer! Bestimmt nervenzerreißend, aber auch saucool-auch d.Festival m.dem Ziegenkopf-Polo! Alles Gute m.dem Fahrzeug!

    • biemann-photography

      Danke dir Anna! Nervenzerreißend klingt fast zu dramatisch… aber es war schon eine kleine Achterbahn der Gefühle!
      Mal sehen ob es mit dem Auf und Ab so weitergeht 😀
      Liebe Grüße!

  3. Widmann jochen

    Hallo zusammen.,

    He Christian Falls ihr beide wieder ins Hamster Rad zurückkehrt könnt ihr Ne Subaru Werkstatt Aufmachen .
    Viel Glück auf all euren Weg .

    Bilder und Text 1a Mehr Mehr

    Grüsse Aus dem Schwabenland

    • biemann-photography

      Hey Jochen!
      Freut mich von dir zu hören…. das mit der Werkstatt überlege ich mir noch ganz stark.
      Zumindest für den Libero habe ich definitiv zu große Hände… alles so kompakt, wie es nur geht.
      Aber wenn alles wieder zusammengabaut ist und alles funktioniert ist es schon ein super Gefühl. Man schraubt ja eher selten an Autos herum 😉
      Liebe Grüße zurück ins Ländle!


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